Das Prinzip klingt verlockend: einfach das Hinterrad tauschen und schon wird das eigene Fahrrad zum E-Bike. Der amerikanische Hersteller Superpedestrian verspricht genau das; statt eines ganzen Gefährts verkauft er nur ein einzelnes Rad, das hinten eingeschraubt werden kann. Motor, Akku, Steuerelektronik und Sensoren sind in der riesigen roten Radnabe integriert.

Fahrradfans kennen die Fotos von weißen Rädern mit dem auffälligen roten ufoförmigen Gehäuse im Hinterrad seit Jahren. Zur Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen hatte das MIT gemeinsam mit der dänischen Hauptstadt Kopenhagen das sogenannte Copenhagen Wheel entwickelt und vorgestellt. Das Medienecho war gewaltig, denn E-Bikes waren damals bei Weitem nicht so schick und technisch ausgefeilt wie heute. Das Copenhagen Wheel war zukunftsweisend, jedenfalls bei seiner Präsentation. Ein innovatives Rad für den Großstädter, das gut aussieht und während der Fahrt über Sensoren beispielsweise die Luftqualität in der Stadt messen sollte.

Macht eine Nachrüstung für 1.200 Euro Sinn?

Die Idee entsprach dem Zeitgeist – aber die Umsetzung war langwierig. Erst Ende 2013 gab es in Amerika die erste Version des Nachrüstsatzes in einer deutlich abgespeckten Version. Nun hat die Firma das Rad weiterentwickelt, seit August gibt es das Copenhagen Wheel auch in Europa zu bestellen. Aber macht ein Nachrüstsatz für 1.200 Euro überhaupt Sinn, wenn es für ein paar Hundert Euro mehr ein neues, hochwertiges E-Bike mit passenden Komponenten gibt?

Eine einwöchige Probefahrt soll die Frage beantworten. Das Testrad ist ein silberfarbenes Marin Fairfax. Fairfax-Modelle sind dynamische Räder für Langstrecken-Pendler. Die Zielrichtung bei der Kombination mit dem neuen Hinterrad ist also klar: Sportlich soll es werden. Jetzt nur noch Rad einschrauben, Smartphone-App starten und los geht’s.

E-Bike fahren ist anders

Bereits beim Anfahren ist der Unterschied zu anderen E-Bikes spürbar. Das Superpedestrian ist mit einer gut dosierten Anfahrhilfe ausgestattet. Kommt Druck aufs Pedal, hilft der Motor dem Fahrer spürbar, aber verhalten, selbst in der höchsten Unterstützungsstufe Turbo. Das ist angenehm, sicher und durchaus ungewöhnlich. Bei den meisten herkömmlichen E-Bikes sollte man das Anfahren im Turbo-Modus unbedingt vermeiden. Dann hopsen oder schießen diese Räder gar vorwärts.

Der Eco-Modus wird auf einer einsamen Deichstraße ausprobiert. Es nieselt und ist windig, trotzdem gleitet das Bike extrem leicht über den Asphalt – allerdings fährt es sich wie ein Fahrrad, nicht wie ein E-Bike.

E-Bike fahren ist anders. Die hochwertigen Modelle auf dem europäischen Markt haben sich längst zu einer eigenen Fahrzeuggattung gemausert. Ihre Rahmen sind für lange Distanzen bei Geschwindigkeiten von 25 km/h und mehr ausgelegt. Diese Räder sind sehr stabil, etwas schwerer und auch etwas behäbiger als ein rein muskelbetriebenes sportliches Bike wie das Marin Fairfax. Mit einem herkömmlichen E-Bike müsste man auf dem Deich längst in den Sport- oder Turbomodus schalten, um voranzukommen. Beim Superpedestrian-Antrieb reicht aber der Eco-Modus, um ordentlich unterwegs zu sein.

Beim Bremsen wird der Akku aufgeladen

Im Eco-Modus ist der Schub des Hinterrads kaum wahrnehmbar. Die beiden großen farbigen Balken auf dem Smartphone-Display zeigen permanent an, wie viel Kraft der Fahrer liefert und wie stark der Motor unterstützt. Die App verrät, dass bei einem Tempo von rund 25 Kilometern pro Stunde der Motor etwa ein Drittel der Kraft liefert, der Rest ist Muskelkraft. Im Sportmodus verschiebt sich die Verteilung und der Motor unterstützt mit etwas mehr Energie.

Ab in den Modus für Rückenwind oder Fahrten bergab: Exercise. Der Motor ist nun aus, mit jeder Pedalumdrehung lädt sich der Akku ein wenig auf. Allerdings nur langsam: Nach etwa fünf Kilometer ist die Anzeige um zwei Prozentpunkte gestiegen. Das motiviert und macht Spaß. Vor allem natürlich bergab, aber ebenso in der Ebene, wenn man ein wenig trainieren will. Das funktioniert gut. Denn der zusätzliche Kraftaufwand ist überschaubar. Das Mehr an Muskelkraft entspricht etwa dem Pedaldruck, der zwei Gänge über der Lieblingstrittfrequenz nötig ist.

Reichweite: etwa 50 Kilometer

Im Stadtverkehr kommt erstmals die Motorbremse zum Einsatz, eines der besten Features des Superpedestrian. Beim leichten Tritt rückwärts bremst der Motor das Fahrrad sofort sanft ab. Anders als beim Rücktritt ist das ein sehr dosierter Vorgang und extrem komfortabel vor roten Ampeln – auch bei Nässe und selbst auf nassem Laub. Ein schöner Nebeneffekt: Auch beim Bremsen wird der Akku aufgeladen.

Das kann sich je nach Distanz durchaus lohnen. Denn der Lithium-Ionen-Akku hat eine Kapazität von 279 Wattstunden bei einer Betriebsspannung von 48 Volt. Superpedestrian gibt eine maximale Reichweite von etwa 50 Kilometern an. In der Standard-Unterstützung ist das realistisch und reicht für die meisten Pendler wohl auch aus.

In dem roten Gehäuse stecken Motor, Akku, Steuerelektronik und Sensoren. © Superpedestrian

Das Hinterrad wiegt inklusive des Akkus, Motors, sämtlicher Steuerelektronik und Sensoren 7,6 Kilo. Die marktreife Version des Copenhagen Wheel hat allerdings deutlich weniger Extras als geplant. So fehlen beispielsweise die Sensoren zur Luftdruckmessung. Sie werden aber jetzt entwickelt, erklärt eine Sprecherin, da das Feature inzwischen nachgefragt werde.

Die lange Entwicklungszeit hat sich durchaus gelohnt. Anders als bei anderen Nachrüstantrieben ist das Superpedestrian ausgereift. Die Features sind stimmig und passen zum Fahrrad. Das wahrscheinlich auffälligste Merkmal ist das Fahrgefühl: Mit dem Superpedestrian fährt man nicht E-Bike, sondern Fahrrad – nur ein wenig flotter. Es ist ein attraktives Nischenprodukt für Fahrradliebhaber, denen der Komfortgewinn den relativ hohen Preis wert ist.