Alex Papanikolaou wurde mit Zerebralparese geboren, einer Hirnschädigung, die seine Muskulatur und sein Nervensystem stark beeinträchtigt. Seit seiner Kindheit kann er sich deswegen nur mit einem Rollstuhl fortbewegen. Vor vier Jahren gründete Papanikolaou in Glasgow das Start-up Freedom One Life. Die Firma will einen Rollstuhl entwickeln, der seinen Nutzer so wenig wie möglich einschränkt – etwa dank einer Akkulaufzeit von einer Woche.

Die Idee wurde mit mehreren Business-Preisen ausgezeichnet, im kommenden Jahr soll der Freedom One Chair marktreif sein. Die Fragen in diesem Interview beantwortete Papanikolaou aufgrund seiner Behinderung schriftlich.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren eigenen Rollstuhl entworfen. Wieso?

Alex Papanikolaou: Ich wollte ein Produkt schaffen, das Rollstuhlfahrern wirkliche Freiheit ermöglicht: egal ob sie damit nach China wollen oder nur in den Pub um die Ecke. Menschen mit physischen Behinderungen sollen genauso mobil sein können wie andere. Das muss selbstverständlich werden.

ZEIT ONLINE: Gab es einen speziellen Moment, in dem Sie gedacht haben: Ich brauche einen besseren Rollstuhl?

Papanikolaou: Ich bin unzählige Male irgendwo gestrandet – entweder weil mein Rollstuhl kaputtging oder er zu schwer und unhandlich war. Vor allem ein kaputter Rollstuhl ist jedes Mal furchtbar: Wenn ich Glück habe, kann ich ihn selbst reparieren. Wenn ich Pech habe, muss ich die Teile erst bestellen.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert so etwas?

Papanikolaou: Einmal saß ich sechs Wochen in Singapur fest, weil ich auf einen Motor warten musste. Ein anderes Mal war ich in Sydney und konnte nicht nach Hause, weil ein golfballgroßes Ersatzteil von Deutschland mit dem Schiff verschickt wurde. 

ZEIT ONLINE: Für Nicht-Rollstuhlfahrer ist es schwierig, sich vorzustellen, wie häufig es solche Probleme gibt.

Papanikolaou: Andauernd. Als ich aus Sydney zurückgekommen war, habe ich viele andere Rollstuhlfahrer gefragt: Passiert euch das auch? Oder bin ich einfach nur ungeschickt und mache bei meinen Reisen alles kaputt? Ausnahmslos jeder sagte mir, dass er die gleichen Erfahrungen macht. Jeder hat Horrorgeschichten parat, wie er oder sie irgendwo festhing. Manche haben aus Angst, dass ihr Rollstuhl kaputtgeht, ganz aufgehört in den Urlaub zu fahren. Diese Resonanz hat mir klar gemacht: Unsere Rollstühle sind einfach nicht dafür geeignet, sie auch zu benutzen. Das wollte ich besser machen. Der Rollstuhl darf nicht mein ganzes Leben bestimmen.

Das Schlimmste ist, wenn Menschen mir nichts zutrauen, mich gleich fragen: Wo ist dein Begleiter? Oder, noch übler, wenn sie Fremde neben mir fragen: Bist du sein Begleiter?
Alex Papanikolaou

ZEIT ONLINE: Wie sehr sind Sie durch Ihre Behinderung eingeschränkt?

Papanikolaou: Ich glaube, dass Behinderte nur durch ihre Umwelt eingeschränkt werden. Wenn ein Mensch mit körperlicher Behinderung dank seiner Umgebung alles tun kann, was er will: Ist er dann noch behindert?

ZEIT ONLINE: Dann anders gefragt: Welche Hindernisse gibt es für Sie im Alltag?

Papanikolaou: Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich so unabhängig wie möglich leben kann: zu Hause, bei der Arbeit, beim Reisen. Wo ich Hilfe brauche, habe ich mich um Hilfe gekümmert, zum Beispiel durch Freunde oder das Personal am Flughafen, die für mich schwere Dinge tragen oder Notizen machen. Ich denke also nicht täglich daran, wie eingeschränkt ich bin.

Am meisten ärgere ich mich über die Ignoranz anderer Menschen. Wenn ich zum Beispiel am Bahnhof bin, höre ich immer wieder von Fremden, ich käme doch gar nicht in den Zug. Dabei bin ich schon tausendmal hineingekommen oder weiß, dass mir dabei geholfen wird. Mit diesen Leuten muss ich dann richtig streiten, weil sie mir nicht glauben und nicht zuhören, dass ich alleine reisen kann.

ZEIT ONLINE: Das klingt sehr befremdlich.

Papanikolaou: Das Schlimmste ist, wenn Menschen mir nichts zutrauen, mich gleich fragen: Wo ist dein Begleiter? Oder, noch übler, wenn sie Fremde neben mir fragen: Bist du sein Begleiter?

ZEIT ONLINE: Was ist das größte Problem mit konventionellen Rollstühlen?

Papanikolaou: Verlässlichkeit. Du kannst deinem Rollstuhl einfach nicht vertrauen. Für andere Menschen wäre das so, als wenn sie morgens aufstehen und sich nicht sicher sein können, ob sie heute mit dem Auto zur Arbeit kommen. Wir Rollstuhlfahrer fragen uns ständig: Passt der Stuhl in den Bus? Wie hoch sind die Bürgersteige? Ist der Akku noch voll genug, um nach Hause zu kommen? Oder sollte ich lieber noch bei Starbucks aufladen? 

ZEIT ONLINE: Wie lange hält eine normale Batterie?

Papanikolaou: Selten den ganzen Tag. Es ist sehr stressig, sich immer Gedanken machen zu müssen, wo und wann man ihn wieder an den Strom anschließen kann.

ZEIT ONLINE: Und beim Freedom One Chair ist das anders?

Papanikolaou: Ja. Rollstühle sind bislang nicht dafür ausgelegt, rund um die Uhr benutzt zu werden, und das jeden Tag. Das führt dazu, dass Menschen nicht mehr aus dem Haus gehen, dass sie Angst vor Regen haben, weil der den Rollstuhl angreift. Je öfter jemand mit seinem Rollstuhl festsitzt, desto seltener wird er in Zukunft unterwegs sein. Wir wollen das ändern: Wir wollen nicht, dass sich unsere Nutzer über den Rollstuhl überhaupt Gedanken machen. Sie sollen sich einfach auf ihren Alltag konzentrieren und den Stuhl vergessen.