Ein Unternehmen möchte in absehbarer Zeit die Nutzer seines Produktes verdoppeln. Klingt erst mal gut, oder? Oder auch nicht: Denn gleichzeitig arbeitet diese Firma daran, dass möglichst wenig dieser Kunden dieses Produkt auch kaufen müssen, Motto: Weniger ist mehr.

Paradox? Nein, ein Plan. Er stammt von Daimler, dem ersten Automobilhersteller der Welt. Und er schmort nicht in irgendeiner Schublade einer Brainstorming-Abteilung, sondern wurde auf der vergangenen IAA vorgestellt, live in Frankfurt und online in alle Welt. "Die gleiche Anzahl Autos", erklärte Britta Seeger, Vorstand für Vertrieb, dort auf der Pressekonferenz, "kann doppelt so viele Menschen transportieren."

Die Vision: Ein konsequenter Ausbau des Carsharings. Eine tief greifende Verknüpfung von Elektromobilität, Autopilot und Sharing, also aller Einzelteile, die derzeit als "Zukunft der Mobilität" gehandelt werden, zu einem großen Ganzen. Elektrisch betriebene Mobile fahren autonom zu den Nutzern, laden sie ein und setzen sie automatisch am Zielort ab. Auf zum nächsten Kunden. 24 Stunden am Tag sind diese kleinen Kabinenroller, die Daimler in seinem typischen komplizierten PR-Kauderwelsch Smart Vision EQ Fortwo nennt, in Bewegung. Mit optimaler Auslastung. Wie Flugzeuge. So wird weniger Stadtfläche für Parkplätze verschwendet, und Daimler muss weniger Autos bauen. Oder, wie es neudeutsch heißt: weniger Ressourcen verbrauchen.

Ein eigenes Auto? Nicht mehr attraktiv

So selbstlos, so sauber – zu schön, um wahr zu sein? Zumindest ein Zeichen dafür, dass die Automobilhersteller verstanden haben, dass die individuelle Mobilität vor einem tiefgreifenden Wandel steht.

Die Aufarbeitung des Dieselskandals und die damit einhergehende zunehmende Ächtung des Verbrennungsmotors sind nur der Anfang. Denn das Akzeptanzproblem des derzeitigen Individualverkehrs sitzt tiefer. Zu viel Blech, zu viel verbrauchte Energie, zu viel zugeparkte Fläche. Und zu viele Opfer: Mehr als 3.000 Verkehrstote im Jahr gibt es allein in Deutschland.

Im Grunde beruht die moderne Mobilität noch immer auf einem Ideal, das vor Jahrhunderten mit der Pferdekutsche entstand und mit der Erfindung des Automobils anno 1886 gefestigt wurde: Jeder Mensch sollte ein möglichst großes, starkes Fahrzeug für alle Transportaufgaben des Lebens besitzen. Ob 500 Meter zum Bäcker und mit der Brötchentüte zurück oder 1.500 Kilometer zu viert in den Urlaub: Der 230 PS starke, zwei Tonnen schwere Offroader wird's richten. Die meiste Zeit aber wird er in der Garage stehen und schön sein.