ZEIT ONLINE:  Herr Hochfeld, der Bundesverband der Deutschen Industrie BDI und die Deutsche Rohstoffagentur Dera warnen: Für die Elektromobilität wichtige Rohstoffe wie Lithium und Kobalt könnten in Zukunft knapp werden. Die Agora Verkehrswende, die gemeinsam mit Akteuren aus der Politik, Autoindustrie, Wissenschaft und Gesellschaft den Umbau zu einem klimafreundlichen Verkehrssystem vorantreiben möchte, kommt zu einem anderen Schluss. Was macht Ihre Experten optimistischer als die des BDI?

Christian Hochfeld: Für die Herstellung von Batterien für Elektrofahrzeuge werden nach derzeitigem Stand der Technik einige Rohstoffe benötigt, die heute im Automobilbau keine große Rolle spielen: unter anderem Lithium, Nickel, Kobalt und Grafit.

Wir haben untersucht, wie viele Reserven es davon gibt, also welche Mengen bereits heute wirtschaftlich zu gewinnen sind – und darüber hinaus, wie groß der Ressourcenvorrat ist, also jene Mengen, die heute noch nicht wirtschaftlich gewinnbar sind. Beide Größen haben wir – basierend auf Daten der Internationalen Energieagentur – mit dem bis 2030 und 2050 weltweit prognostizierten Bedarf verglichen. Und bei allen Materialien kommen wir zu dem Ergebnis, dass es keine physischen Knappheiten geben wird; nicht einmal, wenn 2030 weltweit 40-mal so viele E-Autos in den Markt kommen wie 2015 und 2050 mehr als 100-mal so viele.

ZEIT ONLINE: Andere Zukunftstechnologien brauchen ebenfalls Lithium und Kobalt. Ihre Nachfrage kommt noch hinzu. Haben Sie auch das berücksichtigt? 

Physische Engpässe gibt es nicht, da sind wir uns einig. Die Warnungen beziehen sich eher auf politische Beschaffungsrisiken.

Hochfeld: Unser Ergebnis bleibt stabil: Selbst wenn man Anwendungen außerhalb der Elektromobilität mitberücksichtigt, übersteigen die weltweiten Vorkommen den prognostizierten Bedarf bei weitem. Hinzu kommen die Möglichkeiten des Recyclings.

ZEIT ONLINE: Keine physische Knappheit heißt: Die Rohstoffe sind prinzipiell ausreichend vorhanden. Das heißt aber nicht, dass sie jederzeit für den Markt verfügbar sind.

Hochfeld: Richtig, vorübergehend kann es zu Knappheiten kommen – entweder aus politischen Gründen oder einfach deswegen, weil die Zahl der Elektrofahrzeuge zwischenzeitlich schneller wächst, als neue Förderstätten erschlossen werden können. Aber die Unternehmen werden darauf reagieren, indem sie nach Ersatzmaterialien schauen. Womöglich wird es nach 2030 deshalb andere Batterien geben als die heute üblichen Lithium-Ionen-Akkus.

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass die Knappheiten nur vorübergehend auftreten werden?

Hochfeld: Es gibt ein Beispiel aus der Vergangenheit, das zeigt, wie der Mechanismus funktioniert. Vor ein paar Jahren hat China das Angebot an Seltenen Erden, die unter anderem für die Produktion von Elektromotoren gebraucht werden, bewusst verknappt. Hintergrund war ein geopolitischer Streit mit Japan, der über Wochen hinweg schwelte. Für die Industrie war das ein Schock. Sie hat schnell nach Alternativen gesucht. Heute werden die Seltenen Erden viel effizienter genutzt...

Die Marktmacht verschiebt sich, weg von den Autoherstellern.

ZEIT ONLINE: ... das heißt, man braucht weniger davon ...

Hochfeld: ... und vor allem: Heute ist die Industrie in der Lage, auf Elektromotoren umzuschwenken, die völlig ohne den Einsatz von Seltenen Erden funktionieren, falls es erneut zu einem Engpass kommen sollte.

ZEIT ONLINE: Wenn die Probleme nur vorübergehend sind, warum dann die Warnungen von BDI und Dera?

Hochfeld: Physische Engpässe gibt es nicht, da sind wir uns einig. Die Warnungen beziehen sich eher auf politische Beschaffungsrisiken. Ich denke, sie hängen damit zusammen, dass hier neue Wertschöpfungsketten entstehen. Bisher sind es die Autohersteller gewohnt, ihren Zulieferern die Preise zu diktieren; das funktioniert jetzt offenbar nicht mehr. Die Marktmacht innerhalb der Wertschöpfungskette verschiebt sich, weg von den Autoherstellern. Das verunsichert. Und die Hersteller merken jetzt, dass da eine neue Herausforderung auf sie zukommt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, es geht bei den Warnungen auch um Besitzstandswahrung und den Machterhalt der alten Industrie?