Handwerker transportieren mit ihnen Werkzeug, der Bauarbeiter Betonsäcke, die Gärtnerin Grünzeug: Der Pritschenwagen, neudeutsch Pick-up, ist mit seiner offenen Ladefläche das Auto fürs Grobe. Das Nutzfahrzeug schlechthin. Private Autofahrer, zumindest die in Deutschland, interessieren sich eher wenig für diese Wagengattung.

Zumindest galt das bislang – und ändert sich womöglich gerade. Denn der Pick-up ist so etwas wie das geheime Boomsegment auf dem deutschen Automarkt: 2017 übersteigt die Zahl der Neuzulassungen wohl erstmals deutlich die 20.000, ein Plus von zwölf Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Wird das klassische Nutzfahrzeug jetzt cool?

"Die Pick-Ups werden komfortabler und auch für Pkw-Kunden interessant", sagt Anja Bühler, Marketing-Managerin bei Mercedes-Benz. Interessiert beobachten die Schwaben etwa die Erfolgsstory des VW-Amarok. Und wagen nun, als weltweit erster Hersteller teurer Autos, den Start in diesem Segment. Für Mercedes ist das vor allem deshalb eine Umstellung, weil die Marktanteile bei Pick-ups – im Gegensatz zu Premiumautos – vor allem über den Preis entschieden werden. Die starten bei der neuen X-Klasse bei über 37.000 Euro – einerseits richtig viel Geld für einen Pick-up. Andererseits auch nicht mehr, als man für ein nacktes C-Klasse Coupé zahlen muss.

Mehr Nutzwert als ein SUV

Frühere Überlegungen, einen SUV wie den GLE zum Pick-up umzuschweißen, wurden aus Kostengründen verworfen; die X-Klasse teilt ihre technische Basis nun mit dem Nissan Navara. Die Stuttgarter verbreiterten dessen Spur, feilten am Fahrwerk, gestalteten den fünfsitzigen Innenraum nach Mercedes-Art neu und passten für die teure Top-Version ihren V6-Motor an. Und so steht künftig also ein wuchtiger, schwerer Pick-up mit LED-Scheinwerfern, fetten Reifen und großem Mercedes-Stern beim Daimler-Pkw-Händler.

All jene, die schon den SUV-Trend mit Argwohn beobachten, werden diese Entwicklung wohl mit einer gewissen Fassungslosigkeit quittieren. Immerhin jedoch bietet ein allradgetriebener Pick-up für sein Gewicht mehr Nutzwert als ein schnieker SUV. Drei Arten von Kunden hat Mercedes dafür ausgemacht: Handwerker, vielleicht auch Architekten, die ihr Dienstmobil auch privat nutzen wollen und bereit sind, deshalb mehr Geld zu investieren. Familien auf der Suche nach was Praktischem. Und "sportbegeisterte Individualisten", wie Bühler im schönsten Marketing-Deutsch erklärt. Oder, anschaulicher: "Leute, die genervt sind, wenn der Hund den schicken SUV versaut."