Zwei Meldungen der vergangenen Tage: Einer Studie zufolge zählen die deutschen Autokonzerne Daimler, BMW und Volkswagen zu den führenden Herstellern bei der Entwicklung des autonomen Fahrens. Und: Volkswagen versuchte 2014 mit äußerst fragwürdigen Tierversuchen zu beweisen, dass von Autoabgasen keine Gefahr für die Gesundheit ausgeht.

Die beiden Meldungen zeigen exemplarisch das Dilemma, in dem die deutsche Automobilindustrie sich befindet. Die Verantwortlichen wissen, dass sie sich für die Zukunft des Autofahrens rüsten müssen – und doch wäre es ihnen am liebsten, es bliebe alles wie bisher, vor allem unter der Motorhaube. Dabei läuft der Kampf um die Zukunft des Autofahrens längst und für die traditionellen Hersteller kommen die Einschläge näher. Umso heftiger wehren sie sich gegen den Wandel. Der am Wochenende bekannt gewordene Abgasversuch mit Affen ist der jüngste Beleg dafür, die Tests mit Aachener Studenten womöglich auch.

Das Problem: Die deutschen Autohersteller haben sich schon vor Jahren dem angeblich sauberen Diesel verschrieben. Es gelang ihnen auch, in der Öffentlichkeit die Haltung durchzusetzen, der Diesel sei aus Klimaschutzgründen notwendig. Tatsächlich setzen Dieselmotoren weniger CO2 frei als vergleichbare Benziner. Doch die Debatte um gesundheitsgefährdende Abgase wurde die Branche nicht los. Seit Langem verweist die EU-Kommission darauf, dass in Europa wegen schlechter Luft jedes Jahr fast eine halbe Million Menschen vorzeitig stürben – und in den Städten gilt der Straßenverkehr als Hauptquelle für die Luftverschmutzung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Dieselabgase als krebserregend ein.

Das wichtigste Produkt der deutschen Autoindustrie ist damit in Gefahr. Um das Image des sauberen Dieselantriebs zu erhalten, war den Herstellern offenkundig jedes Mittel recht. Volkswagen manipulierte die Motorsoftware und gaukelte den Behörden im Labor so vor, der Diesel sei wirklich sauber. Und mit skandalösen Tierversuchen versuchte eine von VW, Daimler und BMW sowie dem Zulieferer Bosch finanzierte Lobbyorganisation – die Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) – nachzuweisen, dass die Abgase überhaupt nicht gesundheitsgefährdend seien.

Elektroautos als Feigenblatt

Dabei musste den Herstellern schon lange klar sein, dass der Diesel nicht wirklich als Geschäftsmodell für die Zukunft taugt. Zwar gibt es technische Möglichkeiten, die Abgase so sauber zu bekommen, dass sie den strenger werdenden Vorgaben genügen. Das aber ist aufwendig und teuer. Vor allem bei kleineren Automodellen lohnt es sich finanziell kaum. Zwar entwickeln die deutschen Autobauer auch Elektroautos, doch die dienten lange Zeit als Feigenblatt und wurden kaum beworben – schließlich wollte man die althergebrachte Technik am liebsten noch mindestens 30 Jahre lang verkaufen.

Deshalb auch die heftig geführte Debatte darüber, ob – und wenn ja, wann – der Staat den Verkauf von Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verbieten soll. In Norwegen will man schon 2025 keine neuen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr zulassen, manche fordern ein ähnlich frühes Datum auch für Deutschland. Doch die bisherige Bundesregierung hat sich hier klar positioniert: Ein Ablaufdatum soll es nicht geben. Das ist ganz im Interesse der deutschen Hersteller und die Regierung stützt sie hier nicht zum ersten Mal: Wie der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) im Streit um die Verschärfung der EU-Abgasgrenzwerte auf die Bundesregierung einwirkte und dass die sich dann in Brüssel für laschere Vorgaben einsetzte, ist bekannt.

Die Autohersteller spüren: Ihr Geschäftsmodell droht ihnen abhandenzukommen. Ihre Geschichte vom angeblich so sauberen Diesel lässt sich nicht mehr halten und wie viele Autos sie in Zukunft überhaupt noch verkaufen werden, ist die große Frage. Längst zeichnen Zukunftsforscher das Bild einer künftigen Gesellschaft, in der jedermann selbstfahrende Autos spontan bestellen kann. In ihr würde das eigene Fahrzeug nicht mehr gebraucht. Das Prinzip "Nutzen statt Besitzen" wird einen Großteil der heutigen Autos überflüssig machen, manche Forscher gehen gar von 90 Prozent aus.

Damit würde einer der wichtigsten deutschen Wirtschaftszweige zur Nische. Die Hersteller stemmen sich dagegen; mit fragwürdigen Mitteln und einem allzu rückwärtsgewandten Blick.