Ein bunt beklebter Opel Astra kurvt durch das beschauliche Friedrichshafen am Bodensee. Er gewährt pflichtschuldig Vorfahrt, stoppt an roten Ampeln, fährt bei Grün vorsichtig weiter. Ein defensiver, vorbildlicher Verkehrsteilnehmer. Kaum jemand der Anwohner oder der Touristen, die die Straßen bevölkern, bemerkt, dass der Mann hinter dem Lenkrad die Hände im Schoß liegen hat: Das Fahrzeug fährt autonom. Immer wieder kurvt es durch die gleichen Straßen, jedes mal ein bisschen sicherer: Es lernt dazu, um irgendwann die Tour perfekt, und vielleicht sogar ohne Aufpasser hinter dem Lenkrad, fahren zu können.

Das Fahrzeug stammt vom Zulieferer ZF, der sein autonomes Dream Car mithilfe des amerikanischen Chip-Spezialisten Nvidia aufgebaut hat und es kürzlich stolz auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas ausstellte. "Wir wollen zeigen, dass wir in der Lage sind, so etwas komplett darzustellen", sagt Gerhard Gumpoltsberger, der Innovationschef des Unternehmens. Später mal, so die Idee, könnte ZF komplette autonome Systeme an Autohersteller liefern.

Moment mal! ZF? Die "Zahnradfabrik Friedrichshafen", Hersteller von Getrieben, Zulieferer für Autobauer und Inbegriff der Old Economy, will sich mit Google und Tesla, den glänzenden Silicon-Valley-Ikonen, um die Zukunftstechnologie des selbstfahrenden Autos messen?

Gegenfrage: Warum denn nicht? Auf diesem neuen Gebiet ist noch offen, wer am Ende die Führerschaft beim völlig autarken Automobil innehaben wird, und jeder darf mitmachen: große Autohersteller, neue E-Mobility-Anbieter, kalifornische Start-ups, Zulieferer vom schönen Bodensee. "Es ist ein großes Rennen im Moment", freut sich Gumpoltsberger.

Wie schnell aus Leadern Loser werden können, zeigt das Beispiel Tesla. Der kalifornische Elektroauto-Spezialist galt lange als führend bei der Umsetzung der neuesten Autonomie-Technologie in Serienfahrzeugen. Fans und Branchenbeobachter bejubelten die Fähigkeit des Model S, dem Fahrer über längere Strecken die Arbeit abzunehmen.

Erst der tödliche Unfall in den USA vor anderthalb Jahren, bei dem das System einen querenden Lkw übersehen hatte, deckte das Geheimnis der Amerikaner auf: Sie reizten die bestehende Technik bis zum Anschlag aus. Zwar wies Tesla seine Kunden offiziell darauf hin, dass der "Autopilot" den Fahrer lediglich unterstützen könne, doch viele Kunden drückten nur zu gerne die entsprechende Taste – und sich selbst vor der Wachsamkeit. Der junge israelische IT-Spezialist Mobileye, der das System zum Großteil beisteuerte, sah dadurch seinen guten Ruf gefährdet und kündigte die Zusammenarbeit auf.

Ohne das Know-how von Mobileye aber fiel der E-Autohersteller im Rennen um das autonome Auto schnell zurück. Wer hier zu den führenden Firmen zählt, hat jetzt das Chicagoer Beratungsunternehmen Navigant untersucht – Tesla taucht in den Top Ten gar nicht auf. Stattdessen finden sich dort Namen, die schon seit Jahrzehnten die Autobranche beherrschen: General Motors und Ford, Daimler und VW. Auf Platz sechs ein Konglomerat um BMW, Fiat-Chrysler und Intel. Hier wird künftig auch der bisherige Tesla-Zulieferer Mobileye mitmischen. Ein Seitenwechsel mit Aussagekraft.