Der Kleinwagen vollkommen demoliert, der Fahrer tot – die Folgen eines schweren Unfalls vor wenigen Tagen auf einer Landstraße bei Taucha, nordöstlich von Leipzig. Der 47-jährige Fahrer kam in einer lang gezogenen Rechtskurve von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum, laut Polizei war er zu schnell unterwegs.

Im Schnitt sterben auf deutschen Landstraßen jeden Tag fünf Menschen bei einem Verkehrsunfall. 1.853 waren es im Jahr 2016, das sind mehr als die Hälfte aller Verkehrstoten. Schuld ist in aller Regel der Mensch hinter dem Steuer, der die Situation falsch eingeschätzt und sich selbst überschätzt hat. Eine den Verhältnissen nicht angepasste, also überhöhte Geschwindigkeit zählt neben riskanten Überholmanövern zur typischen Unfallursache.

Die französische Regierung will die in Frankreich zuletzt wieder gestiegene Zahl der Verkehrstoten nicht mehr länger einfach hinnehmen: Sie senkt zum 1. Juli das erlaubte Höchsttempo für Landstraßen von 90 auf 80 Kilometer pro Stunde. Es geht dabei um landesweit rund 400.000 Kilometer Straßen außerhalb von Ortschaften, mit jeweils einer Spur pro Fahrtrichtung, ohne trennende Elemente wie Leitplanken.

Unfallforscher warnt vor "Scheinzahlen"

Französische Automobilverbände laufen Sturm gegen die Maßnahme: Diese sei eine "eher politische denn rationale Entscheidung" und eine "Repression". Auch 59 Prozent der Franzosen sind einer Umfrage zufolge gegen den geplanten Schritt, die Verbände haben bereits über 600.000 Unterschriften für eine Petition gegen den Beschluss gesammelt. Premierminister Édouard Philippe kümmert das nicht: "Wenn ich unpopulär sein muss, um Leben zu retten, dann akzeptiere ich das", sagte er in einem Interview. Philippe geht davon aus, durch die Tempoabsenkung bis zu 400 Menschenleben im Jahr retten zu können – 2016 starben mehr als 1.900 Menschen auf französischen Landstraßen.

Auch in Deutschland wird seit Längerem darüber diskutiert, ob das generelle Tempolimit von 100 Stundenkilometern für Landstraßen angemessen ist. "Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat hat schon 2014 gefordert, die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf schmalen Landstraßen mit einer Fahrbahnbreite bis sechs Metern auf 80 km/h zu senken", sagt Julia Fohmann vom DVR. Das beträfe den Großteil der Landstraßen in Deutschland.

Die Frage ist nur: Wie viel brächte die Maßnahme – rettet sie wirklich Leben? Exakte Vorher-nachher-Studien fehlen, wie Fohmann einräumt. "Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Zahl der Verkehrstoten sinkt, schließlich kommen laut der Unfallstatistik viele Menschen aufgrund überhöhter Geschwindigkeit ums Leben." Zudem ist es reine Physik, dass bei geringerem Tempo Reaktions- und Bremsweg kürzer und dadurch Unfälle vermeidbar oder zumindest weniger schlimm werden. Doch konkrete Zahlen anzugeben, wie es Frankreichs Regierungschef tut, hält Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), für unseriös: "Das wären Scheinzahlen."

Der Unfallforscher hält zwar für denkbar, dass mit einem niedrigeren Tempolimit bei vielen schweren Unfällen die Überlebenschance steigt. "Dazu müsste die geringere Höchstgeschwindigkeit aber auch eingehalten beziehungsweise vom Staat durchgesetzt werden", schränkt Brockmann ein. Schon heute werde Tempo 100 auf Landstraßen kaum kontrolliert, "das ist angesichts des großen Streckennetzes auch kaum möglich".