ZEIT ONLINE: Herr Müller, Sie sind gerade in Stuttgart unterwegs, wie ist denn die Luft da unten?

Klaus Müller: Im Moment kann ich nicht klagen, das liegt aber vielleicht an dem frischen Lüftchen, das hier durch den Kessel weht. 

ZEIT ONLINE: Wovor haben die Bürger, die sich bei Ihnen melden, mehr Angst: vor schlechter Luft im Kessel oder vor drohenden Fahrverboten?

Müller: Das ist ganz eindeutig. Die Fahrverbote sind für die Menschen das drängendere Problem. Man kann nun mal Stickoxide weder schmecken noch sehen. Deshalb ist es so schwierig,  die Gefahr einzuschätzen, die von ihnen ausgeht.

ZEIT ONLINE: Sollten Sie die Verbraucher dann nicht lieber vor Fahrverboten schützen als vor Abgasen?

Müller: Ich glaube, dass beides einander bedingt. Politische Reden und Ankündigungen aus der Wirtschaft allein werden die Luftqualität jedenfalls nicht verbessern. Und nur eine bessere Luftqualität vermeidet Fahrverbote.

ZEIT ONLINE: Am 22.2. könnte das Bundesverwaltungsgericht schon erste Fahrverbote verhängen. Rechnen Sie damit?

Müller: Wie das Gericht entscheiden wird, lässt sich nicht vorhersagen. Aber aus den bisherigen Urteilen wissen wir, dass sich die Gerichte nicht mehr mit lauwarmen Versprechungen, Werbebotschaften oder politischer Lyrik abspeisen lassen. Die Bundesregierung, die beklagten Landesregierungen und die Automobilwirtschaft müssen jetzt glaubwürdige Konzepte auf den Tisch legen. Das heißt: Es ist zu wenig, alleine auf Softwareupdates zu setzen, die die Stickoxidbelastung um lediglich fünf bis zehn Prozent senken. Wir brauchen für alle betroffenen Dieselfahrzeuge eine deutliche Verringerung der Abgaswerte, und das finanziert von denen, die dafür verantwortlich sind. Das waren nicht die Verbraucher.

ZEIT ONLINE: Sondern die Hersteller? Oder die Politik? 

Müller: Alle werden mehr tun müssen als bisher. Zuerst muss die Politik Vertrauen wiederherstellen. Beim Dieselgipfel im Sommer vor der Bundestagswahl hat sie sich mit lauwarmen Versprechen abspeisen lassen, ist aber auch selber nicht konsequent gegenüber der Wirtschaft aufgetreten. Zweitens muss die Automobilindustrie, die uns das Problem eingebrockt hat, dafür sorgen, dass die Autos sauberer werden: mit Software- und mit Hardwareupdates. Und drittens können auch wir Verbraucher natürlich etwas dazu beitragen. Man kann im Alltag manche Strecken auch mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen. Aber in erster Linie ist es eine Aufgabe der Politik und der Automobilindustrie.

"Für Pendler wäre ein Fahrverbot eine Enteignung"

ZEIT ONLINE: Könnte das Gericht die Hersteller dazu verpflichten, ohne dass es zu Fahrverboten kommt?

Müller: Das wäre wohl juristisches Neuland. Der Punkt ist aber: Die verantwortlichen Landesregierungen und auch die Kommunen, die ja im Konkreten beklagt sind, können nur dann Fahrverbote vermeiden, wenn die Automobilindustrie ihren Beitrag leistet. Ein Fahrverbot wäre nicht im Interesse der Verbraucher. Pendler, Familieneltern, Handwerker, für sie alle wäre es ein drakonischer Einschnitt. Wenn sie mit ihren Autos nicht mehr in die Städte fahren dürften, wäre das de facto eine Enteignung. Darum ist es im elementaren Interesse der Autohersteller, sich nicht weiter in wohlfeilen Erklärungen zu verschanzen, sondern konkret etwas zur Verbesserung beizutragen.

ZEIT ONLINE: Das ist keine neue Forderung.

Müller: Natürlich nicht. Wir haben viel Zeit vertändelt und verspielt, und die Politik und die Automobilindustrie haben das Thema nicht ernst genug genommen.