Spielt bei einer Kreuzung mit gleichberechtigten Straßen (ohne vorfahrtsregelnde Beschilderung) die Straßenqualität eine Rolle? Wie sieht es aus, wenn beispielsweise eine gepflasterte Straße von einer unbefestigten gekreuzt wird? Wie ist die Vorfahrt bei Ausfahrten geregelt?, will ZEIT-ONLINE-Leser Joachim Oehlschlegel aus Zeuthen wissen.

Eigentlich ist es ganz einfach. Es gehört zum Basiswissen fast jedes Verkehrsteilnehmers, dass an einer Kreuzung ohne Beschilderung die Regel gilt: rechts vor links. So gibt es die Straßenverkehrsordnung (StVO) vor.

Für viele Autofahrer bleibe die Vorfahrtsfrage in einigen Fällen trotzdem unklar, sagt Stefan Herbers, Fachanwalt für Verkehrsrecht aus Oldenburg. "Etwa wenn eine Straße wie eine langgezogene Zufahrt zu mehreren Grundstücken wirkt, es aber ein Straßenschild gibt. Oder wenn die Straße aufgrund der Beschaffenheit des Belages gleichberechtigt aussieht, jedoch nur über einen abgesenkten Bordstein erreichbar ist."

Kann man also vom Straßenbelag oder der Breite der Fahrbahn ein Vorfahrtsrecht für sich ableiten? So leicht ist die Sache leider nicht. Grundsätzlich gilt, dass derjenige, der von anderen Straßenteilen oder über einen abgesenkten Bordstein auf die Fahrbahn fahren will, keine anderen Verkehrsteilnehmer gefährden darf. "Er ist also gerade nicht vorfahrtsberechtigt", sagt Herbers. Für Ausfahrten gilt also eindeutig, dass man anderen Autos die Vorfahrt gewähren muss.

Gerade bei Fahrten aufs Land ist jedoch häufig unklar, ob kreuzende Wege als andere Straßenteile gewertet werden können. Hat eine geteerte Straße per se Vorrang gegenüber Schotterwegen? Sind Sandwege mit eigenem Straßenschild eine gleichberechtigte Straße, auf der man Vorfahrt hat? Nicht einmal die Behörden oder die Polizei legen das verbindlich fest, sagt Herbers. "Entscheidungsbefugt ist bei solchen Fragen nur das Gericht, das – beispielsweise nach einem Verkehrsunfall – im Rahmen eines Vor-Ort-Termins die Frage der Vorfahrt klärt."

Richter entscheiden dabei ähnlich wie die Verkehrsteilnehmer anhand mehrerer Kriterien. "Allerdings hat das Gericht einen entscheidenden Vorteil", sagt Herbers. "Es muss nicht wie die Verkehrsteilnehmer im Bruchteil einer Sekunde entscheiden." Es kann in Ruhe die Gesamtlage würdigen und hat in der Regel Stellungnahmen der Polizei, der Verkehrsbehörde und der Anwälte vorliegen.

Die StVO regelt daher nur scheinbar die Vorfahrt in unbeschilderten Kreuzungssituationen, so der Rechtsanwalt. "Die Leserfrage kann deshalb nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden." Einmal ist das Straßenschild entscheidend und es gilt aus Sicht des Richters rechts vor links; in einer anderen Situation kann trotz Straßenschild die Fahrbahnbeschaffenheit den Ausschlag geben und der von links kommende Fahrer ist dennoch bevorrechtigt.

Glücklicherweise interpretieren zwei Verkehrsteilnehmer die Situation an einer Kreuzung meist gleich. Kommt es doch zum Unfall, wird vor Gericht über Fahrbahnbelag, Straßenschilder, Länge und Breite der Straße diskutiert. Um aber erst gar nicht in eine unklare Situation zu kommen, hilft es, großzügig zu sein und im Zweifelsfall dem anderen die Vorfahrt zu gewähren.