In meinem Wohngebiet in Frankfurt am Main dürfen Radfahrer so gut wie alle Einbahnstraßen in beide Richtungen befahren. Immer häufiger parken aber links und rechts sehr breite Autos (in der Regel SUV) und ein weiteres Fahrzeug dieses Formats kommt einem entgegen. An einen Abstand von 1,50 Meter zwischen Auto und Fahrrad ist dabei nicht zu denken, geschweige denn an einen Meter Abstand zu den parkenden Autos. Da ich als Radfahrerin bei einem Zusammenstoß den Kürzeren ziehen würde, weiche ich häufig in eine Lücke am rechten Rand aus und warte. Mein persönliches Rechtsbewusstsein sagt mir, dass ich mit einer Schulter- und Lenkerbreite von etwa 40 Zentimetern keine Verantwortung für die Enge der Situation trage. Aber wie sieht es verkehrsrechtlich aus?, will ZEIT-ONLINE-Leserin Sonja Kleinod wissen.

Zwar wünschen sich viele Kommunen in Ballungsräumen, dass mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen, doch das bleibt ohne bessere Infrastruktur oft ein Lippenbekenntnis. Städte versuchen, den Radfahrern kurze Wege anzubieten, indem sie mit einem Zusatzschild Einbahnstraßen für sie öffnen. Das kann für Radlerinnen und Radler eine Erleichterung bedeuten – aber auch ein höheres Risiko.

"Gerade die vom Krieg weitgehend unbeschädigten Wohngebiete in Frankfurt am Main sind – wie in anderen Städten auch – oft Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden und städtebaulich nicht auf den massenhaften Verkehr mit Pkw, vor allem großen SUV, ausgerichtet", sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Andreas Krämer. Vermeiden lassen sich Begegnungen mit den großen Geländewagen, die in vielen Großstädten zum Statussymbol gehören, aber nicht.

"Die Straßenverkehrsordnung (StVO) kennt keine spezielle Vorschrift, die den Begegnungsverkehr regelt", sagt Krämer im Hinblick auf die Frage der Leserin. Grundsätzlich gelten natürlich Paragraf 2 Absatz 2 StVO, der vorschreibt, "möglichst weit rechts zu fahren", sowie Paragraf 6 StVO: "Wer an einer Fahrbahnverengung, einem Hindernis auf der Fahrbahn oder einem haltenden Fahrzeug links vorbeifahren will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen."

"Letztlich wird aber die Generalklausel des Paragraf 1 StVO maßgeblich sein, die eine besondere Rücksichtnahme verlangt", sagt der auf Verkehrsrecht spezialisierte Anwalt und fügt hinzu: "Kann der Seitenabstand nicht eingehalten werden, dann müssen beide anhalten und sich verständigen, wer die Engstelle zuerst und auf welche Weise passieren darf. Dabei wird man einem kleinen und wendigeren Fahrzeug eher zumuten dürfen, dass es etwa zu einer Ausweichbucht zurücksetzt, als einem großen Lastzug."

Auf das vorliegende Problem angewendet, heißt das: Zwar sind beide Fahrer legal auf der Straße unterwegs, aber für den Pkw-Fahrer ist der Radfahrer eine Ausnahme, weil er entgegen der Fahrtrichtung fährt. Außerdem ist es für die Person im Auto schwieriger, wieder zurückzusetzen, um die nächstgelegene Kreuzung zu erreichen. "Dem Radfahrer hingegen dürfte es zuzumuten sein, dass er – für den Vorteil, die Einbahnstraße entgegen der Fahrtrichtung benutzen zu dürfen – an Engstellen sein weitaus leichter zu bewegendes Fahrrad in eine Lücke zwischen zwei Autos steuert", meint Krämer.