Radfahren ist nicht gefährlich. Gefährlich ist eine Infrastruktur, die Radfahrerinnen und Radfahrer immer wieder in kritische Situationen zwingt. Das zeigt Rachel Aldreds Studie Investigating the rates and impacts of near misses and related incidents among UK cyclists sehr eindrucksvoll. Die Verkehrswissenschaftlerin an der University of Westminster hat erstmals Radfahrende nach ihren täglichen Erlebnissen im Straßenverkehr befragt, um zu verstehen, was Menschen tatsächlich am Radfahren hindert.

Für die Studie haben insgesamt 2.586 Radlerinnen und Radler an zwei bestimmten Tagen eine Art Fahrradtagebuch geführt und ihre unangenehmen Erlebnisse im Straßenverkehr protokolliert. Etwa drei von vier Teilnehmern waren erfahrene Fahrradpendler, überwiegend männlich (70 Prozent) und zwischen 30 und 59 Jahre alt. Etwa jeder Dritte von ihnen war in London unterwegs, die anderen ebenfalls aus Städten in Großbritannien.

Das Ergebnis ist aufschlussreich. Die Studienteilnehmer notierten insgesamt mehr als 6.000 Zwischenfälle. Die meisten von ihnen erlebten an dem betreffenden Tag also gleich mehrere Zwischenfälle. Jeder siebte Vorfall war ein Beinah-Zusammenstoß mit einem Bus oder einem Lkw. Auf der Liste standen außerdem Autos, die mit zu geringem Abstand überholten, blockierte Radwege, das sogenannte Dooring – also das plötzliche Öffnen der Tür eines stehenden Autos – sowie gefährliche Situationen beim Abbiegen oder andere Beinah-Unfälle.

Alltagsfahrer nehmen Konfliktsituationen selten wahr

Die routinierten Fahrerinnen und Fahrer habe die hohe Zahl an Vorfällen selbst erstaunt, sagt Rachel Aldred. Ihre Erklärung: "Sie nehmen die Konflikte gar nicht mehr als Bedrohung wahr." Im Umkehrschluss heißt das, für viele gehören gefährliche Situationen auf dem Arbeitsweg oder der Einkaufstour zum Alltag, und die Geübten reagieren routiniert auf die Vorfälle. Sie denken nicht weiter über die kritische Situationen oder den Beinah-Zusammenstoß nach und haben sich an das Risiko gewöhnt.

Als beängstigend wurden insbesondere die Beinah-Unfälle durch Dooring empfunden, aber auch das zu enge Überholen von Autos – und die wenig erfahrenen Radlerinnen und Radler notierten an dem Studientag rund doppelt so viele "sehr beängstigende" Vorfälle wie die regelmäßig Radelnden.

Zu den in der Studie zitierten Aussagen gehören unter anderem: "Ich fühle mich nervös, wenn Autos von hinten ankommen" und "Ich glaube inzwischen, dass es nicht mehr reicht, einfach die Regeln zu befolgen, wenn man am Leben bleiben will – man muss immer antizipieren, dass die anderen sorglos sein könnten". Andere gaben an, sie würden künftig noch vorsichtiger radeln. Allerdings: Ungeübte und unsichere Radfahrer habe die Verkehrssituation so erschreckt, dass sie das Radfahren unverzüglich wieder aufgaben, berichtet Aldred.

Für die Forscherin ist das Verhalten nachvollziehbar. Sie zieht folgenden Schluss: "Wer Radfahrer vor beängstigenden Situationen schützen will, muss die Wege trennen und die Straßenkultur ändern." Der Wunsch, in der Infrastruktur die Radfahrenden vom motorisierten Verkehr zu separieren, wurde vielfach geäußert. Der nur auf die Straße gepinselte Radstreifen genügt vielen Radfahrenden nicht.