Deutschsprachiger Pop Der Text ist meine Party
Nena, Blumfeld, Tocotronic, Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Françoise Cactus und viele andere mehr. – Eine Genreübersicht
Die Lieder der Gruppe Kolossale Jugend waren ein widerborstiges Gehäcksel aus wohldurchdachten, aber kaum verständlichen Satzfetzen. Sänger Kristof Schreuf rotzte sie aus rauher Kehle über das Gitarrengeschrammel.
Der Text ist meine Party
, so lautete ein Refrain im Frühjahr 1989. Im Surrealistischen wilderte ihr Sponti-Jodler
Alle Feind
gegen den Wahn des Wiedervereinigungstaumels - das geht bis heut nicht runter wie Öl.
Wem solche Art deutschsprachigen Lärmpops nicht Pop genug ist, der mag sich auf ewig mit Herbert Grönemeyer und Nena vergnügen - oder weiter lesen und hören. Denn es hat sich was getan rund um die Preziosen des einstigen Punk-Untergrunds und Hamburger Label wie L‘Age D‘or. Die Kolossale Jugend gibt es nicht mehr, aber ihre vergriffenen Platten wieder. In der Reihe
Lado Classix
sind einige Frühwerke der Hamburger Schule mit vielen Zugaben auf CD neu veröffentlicht, Die Sterne sind dabei, auch die charmante Animationskapelle
Huah!
. Das Album
Unten
von Die Regierung
repräsentierte 1994 geradezu das Folklager unter den Protestpoeten. Gitarrenswing und Klavierverzierungen zu Tilman Rossmys Nölstimme, das schmeckt nach Zuckerschrift auf Schwarzbrot.
In der Legendenschmiede beim Label
What‘s So Funny About
fingen Blumfeld das Politisieren an. Doch Intellektuellenrocker Jochen Distelmeyer, Blumfelds Sänger und Texter, erweiterte 1999 mit
Old Nobody
glamourös sein Dasein als bürgerlicher Rebell. Nun glänzten Arrangements und Melodien in solch zartem Schmelz, dass frühe Fans gar Verrat witterten. Die Band Tocotronic wiederum, seit dem Slogan
„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“
Idol ihrer Generation, perfektionierte auf dem aktuellen Album
Pure Vernunft darf niemals siegen
den Brückenschlag zwischen Independent-Idyll und metaphysisch angehauchter Gesellschaftskritik und krönte sich selbst mit der Doppel-CD
The Best of Tocotronic
.
Ganz andere Zeiträume und Musikstile zu überbrücken hatte der Elektropopbarde Andreas Dorau, bevor er mit
Ich bin der eine von uns beiden
nach langer Albumpause eine der schönsten Popplatten des Jahres 2005 hervorbrachte. Beim Düsseldorfer Label
Atatak
landete Dorau als Teenager mit
Fred vom Jupiter
vor Jahrzehnten einen Hit mitten in die Neue Deutsche Welle. Doch als NDW in den Spaßterror umkippte, gerieten sein feinnerviger Humor und die scheinbare Naivität zum Mißverständnis. Dann gelang ihm 1988 mit seiner
Demokratie-Hymne
und Schmidt-Mütze auf dem Kopf eine Parodie voller Herzlichkeit. In den neunziger Jahren verfiel er dem elektronischen Einmannhandwerk und züchtete schicke Tanzmusikhybride aus Techno, House und Popsong. Raffiniert elektronisch ging es später auch bei Atatak weiter, zuvor unterwanderten Kurt Dahlke und Frank Fenstermacher alias
Der Plan
den German Dada und Discopop mit hintersinnig schusseligen Gassenhauern.
Wahre Schätze deutschsprachigen Liedguts aus der ehemaligen DDR verbergen sich vorzugsweise in privaten Kassettensammlungen und stammen aus einer Zeit bevor die Ostalgiewelle alles verkitschte. Jenseits einer neuen gesamtdeutschen Heimatfolklore à la Puhdys, Karat und Konsorten klingen diese Aufnahmen von meist wohl nicht mehr existenten Bands an den leisen Stellen wie alte UFA-Filme und Aufführungen von Mutter Courage im Provinztheater. Laut und euphorisch hämmern dagegen späte Hippiegeister und Punkgenossen Moralschwangeres ins Hirn, dass das Westohr nur so schwankt zwischen Grusel und Entzücken. Ob Klaus Renft Combo , AG Geige oder Tom Terror und das Beil - im Internet gibt es mehr über Die anderen Bands - Independent Music in der DDR .
Eine Gruppe aus München versteht es wie keine andere, eine transatlantische Kunstform aus deutschsprachiger Folklore, Punk, Polka, Blues, Swing, Country bis hin zu modernstem R‘n‘B und eleganter House Music zu erschaffen und seit nunmehr 25 Jahren äußerst lebendig zu erhalten: F.S.K. Auch ihr von historischer Verweisflut überquellender World Pop fand bei Alfred Hilsbergs ZickZack-Label in Hamburg ein Zuhause. Die ersten
Singles
und
LPs
von 1980-89 sind auf der Doppel-CD
F.S.K. Bei Alfred
zusammengefasst.
Ebenfalls dort erschien im Jahr 2004 das
Debüt
des jungen Berliner Songschreibers
Jens Friebe
. Manche nennen ihn den „einzigen richtigen Popstar Deutschlands“, er hat für sein zweites Album
In Hypnose
gerade einen Song von Die Regierung gesungen. Und er hat den Bogen raus, wie man spröde Lyrik zwischen Bedeutung und Verweigerung mit einem Schuss jener femininen Eleganz impft, die sonst nur amerikanischem Liedgut oder dem House entspringt. Dagegen verblassen die Bemühungen vieler junger Musiker, die sich mit beinahe biederer Geradlinigkeit weiterhin am Mythos des Independentrock abarbeiten.
Mit historischem Weitblick präsentieren sich die Alleinunterhalter
Funny van Dannen
und
Bernd Begemann
. Der Elvis von St. Pauli, inzwischen mit Band unterwegs als Bernd Begemann & die Befreiung, und der liebevoll scharfzüngige
Liedermacher van Dannen
aus Berlin bilden in ihren Songs das popmusikalische Surrogat aus linkem Bewusstsein und Jahrzehnten anspruchsvoller Liedkunst. Heldinnen dieser Kunst wie Hildegard Knef und Alexandra, posthum von der Elektronikmusikszene wieder entdeckt, waren jedoch nicht die ersten Ikonen des deutschen Chansons. Noch vor Marlene Dietrich verkörperte die verruchte Fritzi Massary, Operettendiva, Schauspielerin und Modevorbild in den Goldenen Zwanzigern, die Madonna ihrer Epoche. Da erscheint der aktuelle Schmollmundpop aus dem Radio von Annett Louisan vergleichsweise niedlich.
Unterdessen klingen einige Chart-Hits des sogenannten Deutschpop nach einem Versuch, dem Esprit der Hamburger Schule eine oberflächliche Konformität zur schröder/merkelschen Freizeitgesellschaft abzugewinnen. Mag der eine oder andere MTV-Dauerbrenner von
Wir sind Helden
sich zwischen Herz und Verstand durchmogelnd die schwache Stelle finden - das „neue“ Image der Rockkombos mit Frontfrauen wirkt wie ein Etikettenschwindel neben den starken Musikerinnen von
Britta
. Ihre vierte Platte
Das schöne Leben
erscheint im April 2006 und weckt die Hoffnung, dass auch ein gereiftes und um viele Illusionen ärmeres Verständnis linker Popkultur in Text und Melodie so brisant wie brillant sein kann. Nicht minder unverwechselbar setzt sich das Duo
Stereo Total
in Szene. Seit 1995 mischen Françoise Cactus und Brezel Göring Berliner Studentenparties und Künstlerkeller auf: deutsch-französisch, elektronisch und mit viel Trash im Pop. Auch Bernadette La Hengst, einst Mitbegründerin und Sängerin der Hamburger Punk-Beatband Die Braut haut ins Auge, tauscht ihre Lust an der Auseinandersetzung nicht eins zu eins gegen mehr Pop und Glamour - sie nimmt sich beides. Auf ihrem zweiten Soloalbum
La Beat
swingen die Manifeste im Elektrogroove, dass es eine Freude ist.
Hier erfahren Sie Details (unter anderem die Albumtitel und Credits) über die Stücke, die man im Text hören kann.
- Datum 14.05.2007 - 14:19 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 23.2.2006
- Kommentare 7
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Ich finde es ein bischen lustig dass soviele die Sprache der Musik,die sie sich anhoeren kaum oder garnicht spricht.
Aber vielleicht kommt es auch nicht auf den Text an?
Sprachliche Zugehörigkeit als Musikkriterium halte ich selbst für anzweifelbar (andererseits: warum keine Zweifel bei Britpop usw.?). Gute deutsche Popmusik ist aber definitiv nicht mein Motiv. Tur mir ja leid, wenn ich dir das Rad nicht neu erfinden kann, aber wenn du die eventuell nur feinen Unterschiede nicht sehen bzw. hören magst (z.B. zwischen WSH und Britta - nicht Blumfeld), dann will ich lieber unsympathisch angestaubt engagiert spex/intro-nah rüberkommen, als nach Leitkultur zu riechen. Sich auf Ton Steine Scherben zu berufen und zu jammern dass Blumfeld (oder Tocos, ergänz ich mal) doch nicht zu deren Nachfolgern taugten, schafft nur Scheinrelevanzen für einen gegenwärtigen Standpunkt, egal ob der Muff Potter oder Jens Friebe heißt. Desletzteren feine Unterschiede mir übrigens z.B. genau das bedeuten, was du einforderst. Deshalb auch: kein Anspruch auf lexikalische Komplettheit hier, oder bitte Kassettchen aufnehmen für Horizonterweiterung der Autorin! (Aber nur wenns keine Studentenlieblinge sind).
Grüß Gott & danke für die Antwort :-)
Vorweg - 'Britpop' als (Qualitäts-)Kriterium halte ich logischerweise für ähnlich sinnfrei wie eben 'deutscher Gesang'.
Und natürlich erkenne ich die Unterschiede zwischen Britta und WSH, sowohl textlich wie musikalisch.
Nur (dis)qualifizieren die für mich nicht die einen gegenüber den anderen.
Nebenbei kommen m.E. auch eher einiger der Bands angestaubt-Zeigefingerhebend daher als der Artikel. Ich habe auch nichts gegen Intro oder Spex, nur isses nach einer Weile recht voraussehbar, was die wohl z.B. von der neuen Blumfeld oder Tocotronic halten werden...
Irgendwann ist man's dann halt etwas leid, die immer gleichen Leute als großes Kino vorgestellt zu bekommen, insbesondere, wenn man eine so hohe Meinung von ihnen hat wie ich z.B. von Blumfeld.
Subjektivitätsalarm hoch 10, klar.
Was das Mixtape betrifft - bin ich großer Fan von (obwohl ich Probleme hätte, mich rein auf deutsche Bands zu beschränken), der Siegeszug des CD-Spielers hat allerdings mittlerweile dafür gesorgt, dass ich nur noch in meinem top erhaltenen Jugendzimmer (so nennt man das wohl) einen Cassettenrecorder besitze. Nur wohne ich (samt CD-Sammlung) mittlerweile andernorts.
Wenn ich also auf ein anderes Medium ausweichen kann und es eine Postadresse gibt, sehe ich mal zu, dass ich demnächst mal was zusammenbastele und der Autorin zukommen lasse. :-)
Bis dahin erstmal beste Grüße.
Frage - was macht für die Autorin 'gute' deutsche Popmusik aus?
Spex-Lieblinge finden sich in ihrer Übersicht reichlich, ebenso wie der eine oder andere Seitenhieb auf Größen der deutschen Popmusik - siehe Wir sind Helden und Grönemeyer. Auf den Seitenhieb auf Müller-Westernhagen® wird fairerweise verzichtet. Da noch nachzutreten wäre wohl auch übermäßig billig.
Viel politisch-engagiertes findet sich darunter; nur leider fast immer verströmt es den vergilbten Charme der 70er-Jahre und ist in der Attitüde so angestaubt-engagiert-unsympatisch, das einen fast dazu verleitet, plötzlich anderer Meinung zu sein, obwohl man inhaltlich eigentlich komplett gleicher Meinung ist. Da hatten TonSteineScherben eindeutig mehr für sich als z.B. Huah!.
Die unvermeidlichen Blumfeld - wenn es eine Sache/Band/Situation gibt, die das Etikett "pseudointellektuell" wirklich verdient hat, dann Jochen Distelmeyer & seine Chargen. Ewig schwankend zwischen bemühtem Reim-dich-oder-ich-schlag-dich Protestlied mit erhobener-Zeigefinger-Galore als Soundtrack für Diskussionsprotestler (Diktatur der Angepassten) und seichtem Pop mit ach-so intellektuell-feinfühligen Texten (Ein Lied von zwei Menschen, Old Nobody etc. etc. etc.). Dazu der schlimmste bedeutungsschwangere Wortspielstücktitel aller Zeiten: 'Status Quo Vadis" Herzlichen Glückwunsch und einmal auf die Schulterklopfen.
Nena wird einem da fast schon wieder sympatisch, weil sie zumindest nicht so tut, als würde sie mit ihrem Tun wertvolles Kulturgut abliefern. Nicht zuletzt fragt man sich auch, was nun an Blumfeld so toll und den Helden so doof sein soll - letztere liefern schließlich eine ähnliche Mischung aus (textlich souveränerer) Konsumkritik und Seichtem, verkaufen nur halt mehr Platten, was natürlich auch ein Kriterium sein könnte.
Auch sonst finden sich in der Übersicht mit Tocotronic, Andreas Dorau, Fanny van Dannen, Stereo Total und anderen reichlich dieser ewigen (und bereits bekannten) Studentenlieblinge (hmm - vielleicht studiere ich das falsche Fach?).
Nur eben nichts wirklich Interessantes und Neues jenseits der altehrwürdigen Spex- und Intro-Favoriten.
Ein bisschen vermisse ich z.B. Muff Potter, deren Stücke Allesnurgeklaut und Punkt 9 (samt Album Von wegen) mir in letzter Zeit ans Herz gewachsen sind - wenn wütendes halbtagesaktuelles Protestlied, dann so.
Und wo wir von Neuem und/oder wenigstens Interessantem aus Deutschland sprechen, fallen einem auch The Notwist und Slut ein - aber halt, die singen ja auf englisch, also falsche Rubrik. (Was noch einmal zeigt, wie unsinnig es ist, Musik nach der gesungenen Sprache zu kategorisieren.)
Achso - Clueso (und sein Album Gute Musik) bedarf beim Thema deutsche Popmusik auch der Erwähnung. Popmusik irgendwo zwischen HipHop, Pop mit sexy jazz-angehauchter Instrumentierung und sehr anhänglichen Ohrwurmmelodien.
.. für diese sehr nette Rückmeldung. Bei aller Zweifelhaftigkeit von Begriffskriterien bleibt aber doch spannend, wieso zu einer Genreübersicht über Elektronika man sich allenfalls nerdhaft mit mir zanken will, ob Can nicht nur eine Rockband waren, während Grundsatzdiskussionen immer speziell bei deutschsprachigem Pop ausbrechen..
Könnte man Begriffe und Kategorien nicht einfach als Kochrezept wahrnehmen, das am Ende des Menus vergessen sein sollte? Und ist es dann nicht eher ein Erfolg, wenn den Leuten dazu einfällt, dass und was sie mehr haben wollen - statt einfach nur pappsatt zu sein? Schade trotzdem, wenn dir meine Musikbeispiele nach Intro-Pommes und Spex-Burgern schmecken, und die erhoffte Geschmacksexplosion ausblieb. Für mich ist das evt. u.A. deshalb so anders, weil ich den hiesigen Protestpop als er Hochkonjunktur hatte in jenen Magazinen wenig gehört und erst später richtig für mich entdeckt habe - und nach Jahrzehnten voller Noise Avantgarde und Techno waren mir die späten Tocos oder ein widerspenstig glamouröser Friebe eben durchaus eine geile Offenbarung!
Charmant aber, dass du mir wirklich Musik aufnehmen willst, für weiteres Prozedere schick doch mal ne Mail an
schöne zusammenstellung, danke
Wer im Glashaus sitzt...
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