Elektronika Von der Tonbandcollage zum Knarz’n’Roll
Es gab elektronische Musik weit vor Kraftwerk. Und es gibt sie immer noch, sie hat den Techno überlebt. – Eine Genreübersicht
Versuch und Irrtum sind der Anfang von allem. Zu Beginn wollte die elektronische Musik den natürlichen Klang zerlegen, aber auch eine neue technische Aura des Maschinellen erforschen. Die Franzosen tauften es
Musique Concrète
, doch trugen die Ergebnisse bis in die fünfziger Jahre den Stempel des anstrengend Seriösen, selbst die spitzbübische Tonbandcollage
Strathoven
von
Luc Ferrari
zählte zur E-Musik.
Erst als elektronische Klänge über das Geräuschhafte hinaus für die Filmmusik entdeckt wurden, als Meilenstein sei
A Clockwork Orange
von 1971 mit Wendy Carlos‘ Klassikverfremdungen auf dem Moog-Synthesizer genannt, fand eine eigene Ästhetik des Künstlichen ihren Weg in die Unterhaltungsbranche. Krautrockbands wie
Can
und die Robot-Popper von
Kraftwerk
testeten auf ihren Keyboards alles zwischen Melodie und Wahnsinn aus. Die Verhältnisse zum Tanzen brachten erst die Jamaikaner, als sie am Ende der Hippie-Ära mit dem altmodischen Mehrspurtonband und frisierten Lautsprechersystemen tiefe Bässe und rhythmisches Dröhnen und Wummern unter die Stimmen ihrer Ahnen mischten.
Reggae
und
Dub
- die erste elektronische Tanzmusik war schwarz.
Der Synthesizer als Pionierinstrument, mit dem sich Klänge endlos zerlegen und reproduzieren ließen, machte anschließend den Synthie-Pop der achtziger Jahre und Bands wie
Depeche Mode
berühmt und diente dabei weniger einer erfinderischen Musikalität, als einer melodisch simpel ausgedrückten Jugendkulturzugehörigkeit. Zeit für den nächsten Impuls aus der
black community
: Die Jugend postindustrieller US-Großstädte wie Detroit und des homosexuellen Undergrounds in New York und Chicago brachte
Techno
und
House Music
hervor. Zu ganzkörperwirksamen Vierviertelschlägen aus den legendären Rhythmuscomputern Roland 909, 808 und 303 zelebrierten sie eine lustvolle, selbstentgrenzende Maschinenstürmerei.
In Europa kam man nach dem Rausch von
Acid House
und nicht lange illegalen Warehouseparties Anfang der neunziger Jahre wieder zurück auf Klangforschung und Tüftelei, nur genügte dazu statt eines monströsen Tonstudios nun ein einziger Computer zu Hause im Schlafzimmer. Als Enfant Terrible des digitalen Heimstudiosounds klitterte der Brite
Aphex Twin
die verücktesten Plopbeats und Quietschmelodiechen zusammen und warf damit endgültig die konträren Zuschreibungen von Kunst, populärer Musik, Wissenschaftlichkeit und Unterhaltung über den Haufen. Das Köln-Düsseldorfer Duo Mouse on Mars erkannte schließlich ganz in der Traditon von
Can
und Kraftwerk den in der jeweils neuesten Musiksoftware schlummernden Pop-Boom. Auf ihrem Album
Iaora Tahiti
wucherten aus dem Rauschen von Festplatten und Klangspeichern plötzlich mitsummbare Songs.
Inzwischen hat es das Elektronikpopwunder nach guter, alter Rock-Art sogar zum
Live-Album
gebracht, während der anspruchsvolle Klangkünstler
Ekkehard Ehlers
ohne Prestigeverlust mit einem Liedchen seines Popprojektes
März
in der TV-Werbung zum Kekseknabbern animiert. Zugleich kommt das dem Verfrickelten und Experimentellen verschriebene Kölner Plattenlabel Tomlab mit dem blutjungen E-Folkmusiker und Troubadour
Patrick Wolf
groß heraus. Es scheint alles zu gehen im nunmehr sechsten Jahrzehnt der elektronischen Musik, nur der Dance Floor, die Technokultur als solche, wird immer wieder totgesagt.
Doch auch hier gibt es neue Helden, die alles mitreißen, von den Wochenendclubgängern bis zu den letzten fünf Gästen auf der Wohnzimmerparty. Da braut der Londoner Indobrite
Four Tet
explosive Substanzen aus Space Jazz und Old School Techno mit Gamelanklängen zu
Everything Ecstatic
zusammen, während
Michaela Melian
filigran instrumentierte Kunstverweise von der Münchner Barockarchitektur bis ins dekadente
Baden-Baden
mit tiefen Basstrommelbeats umgräbt. Die Brüder
Tiefschwarz
aus Berlin machen auf
Eat Books
Schluss mit der prätentiösen Verschlüsselung von Musikgeschichte im Computer, sie schleudern ihre Referenzen aus rauh besungenem Disco, Funk und Soul offen und konfrontativ auf den Tanzboden. Vorläufige Meister dieser neuen Ausrichtung von Dance Pop sind die Hamburger
Egoexpress
mit ihrem Album
Hot Wire My Heart
. Das Duo lässt die Plattenarchive der House Music links liegen und packt sich einen ganz eigenen, mit minimalen Lyrikformeln kommentierten Knarz‘n‘Roll in den Sampler. Und wo Experiment und Pop auf der hintersinnig melodischen CD
Tainted Lunch
von
Safety Scissors
neu zusammen kommen, hätte der Gastauftritt von Kevin Blechdom als antiheldischer Operndiva vielleicht sogar einem alten Spitzbuben wie Luc Ferrari ein wohlmeinendes Augenzwinkern entlockt.
Hier die Liste aller im Artikel zu hörenden Tracks
- Datum 14.05.2007 - 14:23 Uhr
- Quelle © ZEIT ONLINE
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Eine exzellente Übersicht über die Entwicklung der elektronischen Tanzmusik bietet "Ishkur's Guide to Electronic Music"
http://www.di.fm/edmguide...
Krautrockbands wie Can und die Robot-Popper von Kraftwerk testeten auf ihren Keyboards alles zwischen Melodie und Wahnsinn aus.
Sorry, aber CAN war eine ganz normale Rock-Gruppe mit der besetzung Orgel, Gitarre, Bass und Drums.
Aus mir unerfindlichen Gründen wird CAN in der Presse immer wieder als "Elektronik" verkauft. (Einer schreibt's vom anderen ab?). Die haben damals weder Elektronik gemacht noch machen wollen. Hört das denn keiner ?
Die einzigen, die "reine" Elektronik machten, waren ab 1971/'72 einige Jahre lang Tangerine Dream und Klaus Schulze.
Nachdem die dann weltweit einigen Erfolg hatten, (nach '76) machten auch noch andere "solche" Musik; Jarre, Kitaro ... etc.
Ich mochte damals CAN (kannte sie und veranstaltete sogar ein Konzert mit ihnen in Berlin), und ich schätze sie auch noch im Nachhinein. Nur eben: "Elektronik" machten sie nicht. Das sagt auch in einem Interview mit CAN (im wdr TV, Februar 1977, zusammen mit Klaus Schulze) der Organist Irmin Sch. sehr deutlich.
Ich hoffe auch dieses Interview wird dann im WDR-"Rockpalast" gesendet (der Macher der Sendung hat mir gegenüber sowas angedeutet):
16.3.06, von 00.00 bis 01.00.
"Kraut und Rüben - Über die Anfänge deutscher Rockmusik
Folge 6 - Elektrische Impulse"
Elektronische Musik: Deutschlands originärster Beitrag zur internationalen Popmusik, der allerdings am wenigsten mit Rockmusik zu tun hat! Trotzdem ist Elektronik für viele Hörer heute ein Synonym für "Krautrock". (Text vom wdr)
Freundliche Grüsse
Klaus D. Mueller,
Berlin
Verehrter Hr./Fr. maxizwo, sie haben mit CAN ein Konzert veranstaltet - das ist löblich. Sollten sie noch einmal die Gelegenheit haben auf Holger Czukay zu treffen, dann fragen sie ihn doch mal nach seinem bevorzugten "Instrument" (sie werden staunen!).
Der Artikel wirkt etwas bemueht in der Absicht den hervorragenden Reggae- Ueberblick in seiner chronologischen Herleitung nachzuempfinden. Einige wichtige Ausgangspunkte und Umstaende bleiben hier leider unberuehrt.
Die elektronische Musik erscheint mir tatsaechlich etwas wiederspenstiger in iher Erklaerbarkeit und in ihren Konsequenzen vor allem weil sie stark von der Wechselwirkung musikalischer und industriell-technischer Einfluesse gepraegt ist.
Natuerlich hat das Tonband zu musikalischen Experimenten verfuehrt, aber interessant ist hier eigentlich von Anfang an auch Musik, die aus der Entwicklung elektronischer Instrumente hervorging - angefangen vom Theremin (1919) des gleichnamigen Physikers Leon Theremin, das auch heute wieder haeufiger auftaucht, ueber Friederich Trautweins Instrumente Trautonium(1930) und Monochord(50iger) im Zusammenhang mit Stockhausen oder auch Oskar Sala und seinen Trautonium Suits, oder ueber das von der Tonbandtechnik abstammende Mellotron, dessen eigenwilligem Sound ( in diesem fall die Flöten) die Beatles in ihrem Song 'Elenore Rigby' ein Denkmal gesetzt haben, bis zum legendaeren Bob Moog, dessen Entwicklungen die Musik wahrscheinlich aehnlich maßgeblich beinflusst haben wie die Erfindung der Orgel oder des Pianoforte, und die sich auch dazu eigneten Musik zu erzeugen, die niemand als elektronisch bezeichnen wuerde. Viele Keyborder bekannter Rockbands der 70iger setzten analoge Synthies ein.
Seitdem Bob Moog ermoeglichte, dass man einen Synthy einfach kaufen kann, hat sich elektronische Musik in 2 Richtungen entwickelt : innovative Benutzung neuer Klanguniversen oder Imitation bekannter Instrumentenklaenge ohne das der Zuhörer dieses Imitation ueberhauprt bemerken soll, um zB bei industrieller Musikproduktion die Kosten zu senken. Schlagzeuger wurden zB in den fruehen achtzigern wegen der Einfuehrung von Drummaschinen arbeitslos oder zumindest bedeutungsloser.
Natuerlich sind viele der im Artikel erwaehnten Musiker wirklich ausschlaggebend gewesen. Auch Holger Czukay von CAN als 'nicht Elektroniker' ist fuer meine Begriffe zusammen mit Brain Eno (in diesem Sinne auch 'Nichtelektroniker') ein starker Einfluss in der elektronischen Musik, weil sie in Anlehnung an das Mellotron mit dem von ihnen eingefuehrtem auf Bandschleifen beruhendem technischen Prinzip des musikalischen Zitats/Selbstzitats der Idee des Samplings auf die Spruenge halfen, das heute oft integraler Bestandteil der elektronischen Musik ist, und in der Weiterentwicklung derselben durch die Einführung der Digitaltechnik noch einmal einen Wendepunkt markierte.
Waehrend schon die analoge Syntheziser- und Sequenzertechnik ermoeglichte, dass ein im traditionellen Sinne 'nicht virtuoser' Musiker ( bzw jemand der kein klassisches Instrument beherrscht) unter Umstaenden auch ohne ander Musiker ein umfangreiches Werk schaffen konnte - ( Klaus Schulze, Tangerin Draem etc.), demokratisierte die Digitaltechnik sozusagen die Musikproduktionsmittel durch erstmals erschwingliche Preise für jedermann. Was heute eine kleine 'Kiste' für 49 Euro leistet, kostete 1985 noch 3000 - 5000 Euro. Aber nicht nur dieser rein wirtschaftliche Aspekt fuehrte zu inflationaerer Musikproduktion seit der Technowelle und im Musak- und Volksmusikbereich. Auch immer einfacherer Handhabung musikalischer Versatzstuecke/Zitate von der immer noch beliebten Sampletechnik bis zur neusten computergestützten kostenlosen Musiksoftware a la 'Garageband' (Apple) ermoeglicht einer breiten Masse von Interessierten musikalisch taetig zu werden - und zwar in jeder musikalischen Richtung.
Und dies scheint mir hier der herrausragende Punkt vielleicht sogar ein Endpunkt in der Entwicklung der elektronischen Musik zu sein, denn elektronische Musik machen wir, wenn wir die Kinderguitarre der Tochter durch die Guitarrenverstärker-Emulationssoftware schicke, und dann wie Jimi Hendrix klingen, wenn wir mit der 100GB Orchester-Klangbibliothek klassische Musik für einen Soundtrack arrangieren, oder wenn wir einen von 99 Jodlern von der SampleCD fuer den 'Blauen Bock' aussuchen. Wir mischen alles auf hightech Anlagen ab, versehen es mit elektronischen Effekten oder justieren falsch gesungene Toene durch automatisierte Software. Es gibt jetzt auch virtuelle 'Saenger' als Software ...
Der Mensch hat immer schon die allerneuste Technologie benutzt um zu musizieren. Denn ist es nicht der Reiz der puren Magie, wenn ein (musikalischer?) Programmierer basierend auf mathematischen Algorithmen einen neuen virtuellen Klangerzeuger kreiert hat und sie drehen dann mit der Maus an kleinen pseudo 3D Interfaceknöpfen, der Klang wird im selben Augenblick errechnet, analoggewandelt, zu den Boxe geleitet, und ertfuellt ihren Raum, dass einem die Sinne schwinden?
Bei all der Elektronik duerfen wir nicht vergessen, dass Musik auch ein Komunikation unter Musikern ist : also zusammen dazu singen !
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