HipHop Der schwer vermittelbare Rap

Drei Dinge braucht's zur Straßenglaubwürdigkeit: Knast, Knaster und Knistern. Und dann Goldketten, Schießeisen, Zelthosen, Reime. – Eine Genreübersicht

Ende der Achtziger, nach der Schule bei meinen nachmittäglichen Streifzügen durch die Musikabteilung eines Hamburger Vorstadtkaufhauses fiel mir des öfteren eine Maxisingle in die Hand, die als Alternative auch eine Version des enthaltenen Songs „ohne Rap“ anbot. Rap tat sich auch 15 Jahre nach seiner Entstehung noch schwer mit seiner Breitenwirksamkeit. Ich dachte immer, dass wäre heute anders, da HipHop-Titel in den US-amerikanischen Charts zumeist acht der ersten zehn Plätze belegen. Doch bei den deutschen Hörern sind Rap-Stars wie Eminem, Missy Elliott und Snoop Dogg immer noch umstritten und werden auf vielen Sendern nicht gespielt.
Daheim sind sie längst Mogule ihrer eigenen Industriezweige. Diese Rapper stehen längst nicht mehr nur für Musik, sondern sind omnipräsente Gestalten der Werbung, Besitzer von Mode-Labels, Schmuckfirmen und spielen nebenher auch noch in Hollywoodfilmen mit. Das Eine verkauft sich durch das Andere. HipHop ist Marketing in Perfektion geworden. Wie destilliert man da jetzt wieder die Musik heraus?

Der Showman als Businessman – das ist eine Entwicklung, die auf das HipHop-Duo EPMD zurückgeht. Strictly Business ist die Devise und der Titel ihres 1987 erscheinenden Debüt-Albums. Als rappende Wirtschaftswissenschaftler verkünden sie, dass sie als Band vor allem eins sind: Geschäftspartner. Künstlerische Selbstverwirklichungsromantik? Negativ: In keinem ihrer Albumtitel darf das Wort business fehlen. Musikalisch sind ihre bassig-minimalen Funk-Bretter mit ihrem zurückgelehnten, endlos unterkühlten Reimstil Wegbereiter für Nachfolgendes. Im Vergleich zu den späteren Imperien ist EPMD ein eher mittelständischer Betrieb, trotzdem können sie sich rühmen, das Thema erfunden zu haben.

Aber was ist denn nun eigentlich HipHop? Für Gruppen wie Public Enemy vor allem ein aufbrausendes Politikum: als „Black CNN“ bezeichnet deren Chef-Idiologe und Rapper Chuck D einen über verschleppte Rhythmen hüpfenden Sprechgesang, der als Sprachrohr einer sozial benachteiligten Schicht Schwarzer dienen soll. Public Enemys Liveshows sind eine Mischung aus Revoluzzertum à la Black Panther , der ansteckendsten Rhythmik seit James Brown und absurdem Entertainment. Flavor Flav, Frontmann Nummer zwei, ist ein surrealer Blickfang: Stets den lila Zylinder auf dem Kopf, sowie eine überdimensional große Uhr um den Hals. Gaga-Utensilien, mit denen er vor das Auge der staunenden oder auch geschockten Öffentlichkeit tritt. Der Klamaukfaktor entkrampft das militant-revolutionäre Image der Band nach und nach, nicht zuletzt durch den Hit 911 Is A Joke anno 1990, einer musikalischen Persiflage auf das amerikanische Notrufsystem. Man merke: Education plus Entertainment ist gleich Edutainment .

So nennt sich eine Platte von Boogie Down Productions, der Band des Rappers KRS-1. Edutainment ist ein Meilenstein des Polit-Rap. Simpel, treibend und immer logisch ist der Vortrag des Rappers mit der großen Nase. Im Stück Love’s Gonna Get You beschreibt er die Karriere eines Drogendealers in sechseinhalb Minuten so präzise, wie es sonst nur ein abendfüllender Scorcese-Film schafft. Danach hat es jeder verstanden.

Sein früherer Partner Scott LaRock, ein rappender Sozialarbeiter, wurde bei der Schlichtung eines Streits zwischen rivalisierenden Drogendealern erschossen. In diesen frühen Tagen des HipHop ist KRS-1 deshalb schon eine Legende. Auf seiner ersten Platte sucht der Rapper aus der Bronx Streit mit Marley Marl und dessen Clique aus Queens. Es geht um die Wiege des HipHop, die Bronx oder Queens. Die Relevanz des Themas darf angezweifelt werden, jedoch wird hier der Klangteppich verlegt, auf dem HipHop künftig rappt: die Kultur des Battles, der verbalen Auseinandersetzung zwischen Rivalen. Als HipHop Ende der Neunziger seine goldene Zeit aus kreativer Sicht hinter sich hat, wird dieser Kulturkampf schon mit Waffen ausgetragen. Erst wird der Rapper 2Pac aus Oakland, Kalifornien getötet — kurz danach sein Rivale von der Ostküste, der Notorious B.I.G.. HipHop ist nun schon ein großes Geschäft, und die beiden Rapper fallen im jahrelangen Klangkrieg zwischen der Ost- und der Westküste.

Der Sound der Westküste ist eher sonning und wurzelt im Funk, während der Sound der Ostküste 1992 in Brooklyn definiert wird. Dort tragen sich Gang Starr mit ihrer dritten LP und zugleich ihrem Meisterwerk Daily Operation in die Geschichtsbücher ein. Aus Jazz- und Soulschnipseln formt DJ Premier düstere, geräuschhaft-knisternde Instrumentalstücke, über die sich die monoton-bassig verrauchte Stimme von Rapper Guru legt. Nehmen Sie den vielbesungenen A-Train von Manhattan in die schmucklose und rauhe Welt Brooklyns. Ein guter MC [Abkürzung für Master of Ceremony], das weiß man allerspätestens seit Gang Starr’s Guru, ist nicht unbedingt Verbalakrobat, sondern Geschichtenerzähler.

Genrebegriffe werden vornehmlich gebildet, um Musik, die auf ein ähnliches Vokabular zurückgreift und sich gemeinsamer Codes bedient, in einer Schublade zusammenzufassen. Ein Musiker, der das Vokabular des HipHop ständig erweitert und somit den Genrebegriff die letzten Jahre merklich gedehnt hat, ist Madlib [auch bekannt durch Yesterday's New Quintet und Quasimoto ]. Zusammen mit dem Rapper MF Doom hat der Produzent unter dem Namen Madvillain eine Platte aufgenommen, die es schafft, traditionell zu sein und zur gleichen Zeit mit allen Traditionen zu brechen. Psychedelisch, kinematisch, roh und niemals überproduziert erschaffen die beiden HipHop, der über sich hinausweist und den man getrost als genial bezeichnen kann.

HipHop ist weitgehend Männersache. Frauen spielen bislang Nebenrollen. Daß sich dies nun ändern kann, zeigt eine junge Rapperin namens Jean Grae , die zum derzeit Besten des Genres zählt. Mit ihrem jüngsten Album This Week ist ihr eine tolle Platte geglückt. Mit Wortwitz und Intelligenz, mit einem Konzept und einer grossen Portion Soul erobert sich die Tochter des Jazzpianisten Dollar Brand den Respekt der gesamten Szene. Aber auch sie wird einmal EPMD gehört haben.

Jean Grae - Supa Luv (Babygrande)
Jean Grae - A-Alikes (Babygrande)
Jean Grae - Watch Me (Babygrande)

 
Leser-Kommentare
  1. 1. ÖDE

    Hier fehlen wichtige Informationen Westcoast - Eastcoast, Sampletechnologie, Gangsta vs. Academic... Leider reicht der Artikel nicht an den guten Reggae-Artikel heran!

  2. 2. ja...

    da stimme ich doch mal dem ersten kommentator zu:
    nach Reggae (was gelernt!) und Elektronika (alles schon gewusst, trotzdem zufrieden:) fehlt mir hier so einiges.

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