Independent Rock

Mächtiger Nebenstrom

Die kommerzferne Gitarrenmusik nennt sich gern "unabhängig". Bald reicht ihr Erfolg an den des Mainstream heran. – Eine Genreübersicht

Tun wir so, als wäre es ganz einfach: Seitdem es Pop gibt, gibt es immer einen breiten Strom leicht konsumierbarer Musik, von Radiostationen beachtet, von Hörern gekauft. Nennen wir diese Musik Mainstream. Jede einigermaßen frische Musik durfte sich zumindest zeitweise als Alternative zum Mainstream betrachten. Die Anfang der Fünfziger gewonnene Einsicht, dass Rock'n'Roll per se etwas Alternatives sei, nutzte sich schnell ab, kurz nach Elvis' ersten Hüftschwüngen muss das gewesen sein. Schon die Beatles ließen sich von strengen Sittenwächtern nicht mehr glaubwürdig als Teufelszeug verdammen. Im Jahr 1962 veröffentlichten sie ihre erste Single, keine zwölf Monate später hatten sie ihren ersten Nummer-eins-Hit, es folgten etliche. Der amerikanische Prototyp des Mainstream, Elvis Presley, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits tausende Alben und zehntausende Singles verkauft.

Die Sechziger
Schon früh gab es Gegenbewegungen, Alternatives. Musik, die zumindest vom Anspruch her wenig mit jenem Mainstream zu tun haben wollte (oder später aus marketingstrategischen Gründen haben durfte). Über das Geburtsjahr des Alternative Rock lässt sich streiten. Im Jahr 1966 veröffentlichten The Velvet Underground ihre ersten Singles, und Sunday Morning , im Jahr darauf ihr erstes Album, mit der Sängerin Nico im Vordergrund und Andy Warhol im Hintergrund. Das war das Cover mit der Banane . Auf White Light/White Heat entfernten sich The Velvet Underground 1968 noch weiter von den Hörgewohnheiten der Zeit. Man mag es heute kaum glauben, aber die Band war so alternativ, dass sie bis zur Dokumentation eines dubiosen Wiedervereinigungskonzerts 1992 nicht einen Fuß in die amerikanischen oder britischen Hitparaden getan hatte.

Im selben Jahr erschien Safe As Milk , das erste Album von Captain Beefheart And His Magic Band ( ). Er zersägte den Blues und klebte ihn unsauber wieder zusammen. Sein noch heute schwer hörbares erschien im Jahr darauf. Ebendann, 1969, kamen das Debüt der Stooges und ihre Single . Iggy Pop nahm Punk und Metal vorweg – zwei Genres, die in den folgenden Jahrzehnten eng mit dem Begriff Alternative verknüpft sein sollten. Produziert wurde das Album – wen wundert's – von The Velvet Undergrounds John Cale . 1969 erschienen auch (Album und Single) der MC5. Das gebrüllte „ Motherfucker “ im Refrain machte das Lied radiountauglich, so bekamen nur wenige etwas von dieser Mischung aus Proto-Punk und avantgardistischer Jazzimprovisation mit. „ Motherfucker “ wurde später durch „ Brothers and Sisters “ ersetzt. Spätestens Ende der Sechziger waren also die Tore für alternative Musik weit geöffnet, die Vorbilder umrissen.

Die Siebziger
Anfang der Siebziger entwickelte sich New York zum Zentrum einer rasch wachsenden Wave- und Punk-Szene. Patti Smith ( ), Blondie ( ), die New York Dolls ( ), die Ramones, sie alle nutzten ihre Instrumente auf ungehörte Weise und boten dem Mainstream die Stirn. Mit dem Hauptstrom schwammen Anfang der Siebziger der sogenannte Adult-Oriented Rock (AOR) der Eagles und Led Zeppelins genauso wie der fröhliche Discopop von Abba und Konsorten. In Großbritannien brach gerade der Punk aus. Im Jahr 1976 erschien das Manifest der Sex Pistols, , selbst der Hitparadenerfolg der Single raubte ihnen wenig Glaubwürdigkeit. Es gründeten sich viele Punkbands, die drei Akkorde und ein zerrissenes Äußeres reichten manchen zum Plattenvertrag. The Clash ( ), The Damned ( ), The Jam, die Pop-Punker der Undertones ( ), die New-Wave-orientierten Siouxsie & The Banshees ( ) und X-Ray Spex ( ) gehörten zu den ersten Bands, die in die Hitparaden einzogen.

Alternative war kein Synonym mehr für unhörbar und unerhört, Ende der Siebziger gingen nun alternative Attitüde und kommerzieller Erfolg zusammen. Viele Plattenfirmen nahmen Punk ins Programm. Abseits der breiten Aufmerksamkeit wurde Alternative langsamer und düsterer, blieb gleichwohl energiegeladen. The Fall, Joy Division ( ) und The Cure ( ) standen für die neue Strömung, weniger am Stil als an ihren Sinnkrisen interessiert. Alle drei veröffentlichten 1978 ihre ersten Stücke. Im selben Jahr traten The Police mit ihrer Mischung aus Jazz, Punk, Reggae und Pop an die Öffentlichkeit, so etwas wie hatte man zuvor noch nicht gehört. Viele Gruppen, die heute große Stadien füllen, begannen ihre Karriere Ende der Siebziger vor kleinem Publikum. Allen voran U2 ( ) mit ihrem Album Boy und die Simple Minds ( ). In Deutschland veröffentlichte Nina Hagen ( ) 1978 und 1980 zwei stark vom Punk geprägte Alben. In Düsseldorf entstand eine Szene mit unzähligen Bands, die auf der Suche nach Neuem waren und quer zu den Hörgewohnheit spielten. Mittagspause ( ), S.Y.P.H. ( ), die Neonbabies und Fehlfarben bereiteten der Neuen Deutschen Welle den Weg. Punk in Deutschland glitt nach zwei, drei chaotischen Jahren in alberne Fröhlichkeit ab, Ich Will Spaß war das Motto.

Die Achtziger
In Großbritannien waren viele unabhängige Plattenfirmen entstanden, Rough Trade, 4 a.d. oder Mute, um nur einige zu nennen. Sie beherbergten Bands wie die Gothikrocker Bauhaus ( ), die Elektroexperimentalisten Cabaret Voltaire ( ) und Nick Caves Geräusch-Terroristen Birthday Party. Manchester entwickelte sich zu einer Metropole alternativer Musik in England. Den Joy-Division-Nachfolgern New Order ( ) und Morrisseys Band The Smiths gelang es, neuromantischen Elektropoppern wie Depeche Mode den Alternative-Begriff zu entwinden. The Smiths paarten einen originellen Gitarrenklang mit intensiven Texten. Im Sommer 1983 veröffentlichen sie ihre erste Single, , kurz darauf ihr erstes Album. The Smiths blieben nur vier Jahre zusammen, doch wurden sie in dieser kurzen Zeit zu einer der einflussreichsten Bands der Popgeschichte.
Seit Mitte der Achtziger spielte das Londoner Label Creation eine wichtige Rolle in der englischen Musikszene. Jesus & Mary Chain ( ) und Primal Scream ( ) sind nur zwei der Bands, die der Creation-Chef Alan McGee entdeckte. 1989 erschien dann das Debüt der Stone Roses ( ), noch heute ein Klassiker des psychedelischen Gitarren-Pop. Damals wirkte es wie ein Fazit der Dekade.

Auch in Amerika war Anfang der Achtziger eine Gitarrenmusik-Szene als Reaktion auf den anti-intellektuellen Punk entstanden. Gruppen wie R.E.M. ( ) gründeten sich an Universitäten, ihre Musik war ungeschliffen und melodiös. R.E.M.s erste Mini-LP erschien 1982. Deutlicher in der Tradition des Punk musizierten Feedback-Bands wie Sonic Youth ( ) oder die politischen Avantgarde-Punks Dead Kennedys ( ). In den späten Achtzigern dominierten Schrammelbands wie die Pixies ( ) und Dinosaur Jr ( ) das Geschehen in der Nische, bis es 1991 zum großen Knall namens Grunge kam.

Die Neunziger
Der Grunge veränderte alles. Die amerikanische Musikszene wurde neu definiert und jede Version alternativer Musik in die Verwertungsmaschinerie gesogen. Besonders MTV prägte die Hörgewohnheiten. Im Fahrwasser des Grunge öffneten sich Märkte für alle vorher marginalisierten Unter-Genres. Mit Nirvanas Nevermind ( ) und den breit rezipierten Alben von Pearl Jam ( ) und Soundgarden ( ) schoss der Alternative Rock in die Hitparaden. Lang existierende Bands wie Björks Sugarcubes ( ), die Red Hot Chili Peppers ( ), die Pixies, Sonic Youth und der zum Vater des Grunge erkorene Neil Young verkauften plötzlich richtig viele Alben und bekamen Verträge bei großen Plattenfirmen. Glaubwürdigkeit und Ausverkauf wurden zu wichtigen Begriffen in der Diskussion um ihre Musik.
Die englische Gegenbewegung zum Grunge hieß Brit-Pop und stand Anfang der Neunziger schon dicht am Ufer des Pop-Mainstream. Die sonnigen Blur ( ), die pöbelnden Oasis ( ), die dandyhaften Pulp ( ) und die schillernden Suede ( ) teilten den Markt unter sich auf, Independent war zum neuen Mainstream geworden.

Die Grunge-Nachwehen in den USA waren heftiger: Es entwickelte sich eine große Lo-Fi-Szene mit Bands wie Pavement ( ) und Sebadoh, ihre Musik basierte auf akustischen Gitarren und spielte mit dem Fehlerhaften und Hässlichen. In Chicago entstand Post-Rock, Tortoise ( ) und andere betrachteten Gitarrenmusik durch die Jazzlinse, nahmen sie auseinander und setzten sie aufregend neu zusammen, ganz ohne Worte. Um Lambchop ( ) und Will Oldham ( ) etablierte sich Mitte der Neunziger außerdem eine alternative Country-Szene – nicht zuletzt unter dem Einfluss der erfolgreichen Zusammenarbeit von Johnny Cash mit dem Produzenten Rick Rubin.

Europa lernte gegen Ende des Jahrtausends Radiohead ( ), Coldplay ( ) und die Manic Street Preachers ( ) kennen. Attitüde und Auftreten konnte man noch alternativ nennen, kleine Verweigerungsgesten stifteten Glaubwürdigkeit: Radiohead drehten zeitweise keine Musikvideos, die Manic Street Preachers spielten in Kuba für Fidel Castro, Coldplay engagieren sich für die Entschuldung der Dritten Welt. Was alternative Musik war, ließ sich schwieriger definieren denn je, plötzlich war sie die meistgehörte und -verkaufte Musik. Jede Geste des Widerstands verwandelte sich in bare Münze.

Und heute?
Die Lo-Fi-Welle schwappte schließlich von Amerika auch nach Europa, die Norweger Kings of Convenience ( ) gaben dem Ganzen 2001 mit ihrem Album Quiet Is The New Loud ein feines Motto. Interpol ( ) erinnerten auf zwei Alben an die düsteren Lieder von Joy Division. Seit der ersten Platte Is This It dominiert dies- und jenseits des Atlantiks der Siebziger-Sound der Strokes ( ). Auf dieser Welle reiten auch Franz Ferdinand ( ) und Maximo Park ( ).

The Killers ( ) und Bloc Party ( ) lassen die Achtziger aufleben, fiese Synthesizer dröhnen durch ihre Stücke. Dezenter ist der Einsatz des elektronischen Geräts – mit Referenzen an Elektronik-Avantgardisten wie Kraftwerk und Can – im aktuellen deutschen Alternativgeschehen. Indietronica nennt sich diese Richtung, sie brachte Bands hervor wie The Notwist ( ), Tied & Tickled Trio ( ), Barbara Morgenstern ( ) und die Lo-Fi-Fanatiker Komeït ( ). Eine neue Definition des Alternativen birgt das Web 2.0. Ohne Plattenfirma und Werbung sammelten Bands wie Arcade Fire ( ), die Arctic Monkeys und Clap Your Hands Say Yeah ( ) Scharen von Anhängern über das Internet. Mittlerweile spielen sie alle unter Vertrag.

Ganz einfach, oder?



Anzeige
Leser-Kommentare

  1. ...auch nicht mehr als eine Mainstream-Geschichte des Independent Rock, die auch nur aufzählt, was sich verkauft oder wie die Velvets nachträglich kanonisiert wurde.

    • 27.04.2007 um 9:15 Uhr
    • sabao
    2.

    Ein Artikel über 'kommerzferne' Gitarrenmusik, der niemals die riot grrrls-Szene der frühen Neunziger erwähnt? Dabei setzten Bands wie Bikini Kill, Bratmobile usw. die Anliegen von X-Ray Spex um und waren eine wirklich kommerzferne Alternative zu Nirvana. Ts Ts.

  2. Genreübersichten sind ein undankbare Aufgabe und ich hätte ums Verrecken keine Lust eine zu schreiben. Immer fehlt was, niemandem kann man's recht machen - niemandem.

    Was mir ein bische gefehlt hat ist der Hauptgrund aus dem ich Indie Musik mag: Authentizität. David Eugene Edwards und Connor Oberst glaubt man sofort und rückhaltlos, dass sie meinen was sie singen. Eine Eigenschaft, die Pop zumeist vermissen läßt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Jan Kühnemund
  • Datum 4.6.2007 - 02:18 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 3
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service