Man könnte es sich einfach machen: Punk entstand 1976 in der Londoner Modeboutique von Malcolm McLaren. McLaren erfand The Sex Pistols, er suchte sich eine Band zusammen, die seiner Idee von Anarchie und Ästhetik entsprach. So ähnlich wie später Dieter Bohlen. Vielleicht begann Punk sogar mit der ersten Casting-Show der Musikgeschichte. Aber ganz so einfach war es dann doch nicht.

Als Idee mag der Punk mit den Sex Pistols und ihrer Single Anarchy in the UK angefangen haben. Seine musikalische Einfachheit und sein rauer Klang fanden sich bereits einige Jahre zuvor bei amerikanischen Glamrockbands wie The Stooges , die Ramones , The Sonics oder The New York Dolls . Deren Abkehr von der harmlosen Popmusik der siebziger Jahre war durchaus vergleichbar mit dem, was später Punk heißen sollte. The New York Dolls waren es auch, die Malcolm McLaren seinen Sex Pistols vorspielte - zur Inspiration. So lautet jedenfalls die Legende. Und somit sind sich unzählige Musikchronisten uneins darüber, wo Punk nun tatsächlich begann. In den USA oder in Großbritannien. Vielleicht war es ähnlich wie die Entstehung des Fußballs: Bälle wurden getreten, seit es sie gibt, aber erst in England entstand ein Sport daraus.

Und im Gegensatz zu den amerikanischen so genannten Proto-Punk-Bands, die sich im ziellosen Anrennen gegen den Mainstream der Siebziger verlaufen hatten oder in Entzugskliniken gelandet waren, zeigte sich Punk in Großbritannien zunächst als einheitliche Bewegung, als Rebellion einer Klasse, die weder kulturell noch politisch Einfluss nehmen konnte. Als Fahnenträger gingen die Sex Pistols voran. Ihnen folgten plötzlich Scharen junger Männer aus der Arbeiterschicht mit gebleichten Jeans, Nietenarmbändern und Sicherheitsnadeln in den Nasen. Punk war nicht nur der musikalische Aufstand gegen die Langeweile. Es war zugleich ein Kampf gegen die ästhetischen Konventionen der Spießer. Anarchy in the UK wurde zum Schlachtruf. Malcolm McLaren beschrieb es als "Rebellion mit einem Haufen Müll". - Müll wurde schlagartig chic.

Fürderhin kamen die großen Plattenfirmen mit neuen Punkbands: The Clash , The Damned oder auch die U.K. Subs waren die wohl wichtigsten. Die musikalische Einfachheit und dass jeder eine Band gründen konnte, wenn er etwas zu sagen hatte, waren das Verlockende am Punk. Die Generation des "No Future" begann zu sprechen, und ihre Sprache war Punk.

In den Liedern sangen sie von ihrer Lebenswelt, von Arbeitslosigkeit und dem Hass auf die Reichen. Als Voraussetzung genügte es zumeist, ein Instrument halten zu können - Punk demokratisierte fehlendes Talent.

Dabei zeigte sich gleich am ersten Album von The Clash, The Clash, dass selbst Punk jenseits der im Viervierteltakt bratzenden Gitarren noch vielschichtig sein kann. The Clash versahen ihre Musik mit Einflüssen aus Rockabilly und Reggae.

Doch sie blieben eine Ausnahme. Und es wirkt beinahe ironisch, wenn The Clash posthum auf ästhetisch fragwürdigen CD-Sammlungen der größten Hits der Rockgeschichte landeten, und Should Stay Or Should I Go erst Aufmerksamkeit bekam, als das Lied in einem Jeanswerbespot dudelte. Mit Punk werden sie heute kaum noch in Verbindung gebracht. Zur Hochphase des Punk brachte die Gruppe Crass das Ethos des Do it yourself (DIY) in die Szene. Während die ersten Punkbands ihre Platten allesamt bei großen Plattenfirmen veröffentlichten, gründeten Crass ihren eigenen Vertrieb - eine Haltung, die besonders von amerikanischen Hardcore-Bands wie Minor Threat oder Fugazi adaptiert wurde.