ReggaeWas Jamaika der Menschheit schenkte

Dub, Mento, Ska, Dancehall, Ragga, Rocksteady, Lover's Rock und Reggae, Reggae, Reggae, Reggae: Eine Genreübersicht von Paul Berg

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Reggae ist der inzwischen ziemlich irreführende Sammelbegriff für eine unfassbar vielfältige Musikwelt, die Jamaika der Menschheit geschenkt hat. Irreführend, weil das, was landläufig unter Reggae verstanden wird - fröhliche Schönwettermusik, Kifferberieselung, meist von Bob Marley gespielt – größtenteils ziemlich uninteressant ist. Nichts gegen Bob Marley, Kiffen oder schönes Wetter, aber über die Klischees aus den siebziger Jahren ist Reggae inzwischen weit hinaus.

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Richtig ist: Jamaika ist an allem schuld. Dort entstand, aus einigen recht interessanten Vorläufern , eines heißen Sommers in den späten Sechzigern eine neue Tanzmusik namens "Reggae" – und dort erscheinen seither Woche für Woche rund 100 neue Reggae-Singles. Hinzu kommen Singles, Alben, CDs, MP3s, die in ähnlich hoher Frequenz von Exil- und Wahl-Jamaikanern in New York, London oder Berlin produziert werden. Der hohe Ausstoß hat ökonomische und musikalische Gründe, die dem Reggae eine unschlagbare Dynamik verleihen.

Die ökonomischen Gründe: Es gibt viel Armut im Schwellenland Jamaika. Reggae ist dort nicht nur die dominierende Popkultur, sondern auch eine der wichtigen Industrien und einer der wenigen Auswege aus der Armut, die einem jungen Jamaikaner bleiben (ähnlich überrepräsentiert wie in der Weltmusik ist Jamaika sonst nur noch in der Leichtathletik). Und so stehen junge, ehrgeizige Jamaikaner Schlange vor den Studios der großen und kleinen Reggae-Produzenten, um ihr Glück als Stimmkünstler zu versuchen, singend oder rappend, sprechend oder brüllend. Hauptsache, auffallen.

Beschleunigt wird diese Produktionsweise durch das eigentümliche Copyright in Jamaika – das als Gewohnheitsrecht auch im Rest der Reggae-Welt gilt: Die instrumentalen Kompositionen (in der Fachsprache: "Riddims"), zu denen Gesangseinlagen aller Art entstehen können, gelten als öffentliches Gut, sind also frei kopierbar. So kommt es, dass von jedem halbwegs erfolgreichen Reggae-Song innerhalb weniger Wochen unzählige "Versionen" entstehen, eine origineller, durchgeknallter oder einfach nur schöner als die andere. Dieses Verfahren erzeugt so mit jedem Hit maximale Vielfalt – die ja bekanntlich gut für die Evolution ist.

Die musikalischen Gründe: Die recht einfachen Bausteine des Reggae (minimalistischer Basslauf + reduziertes Schlagzeug + Offbeat-Gitarre) bieten ein stabiles Fundament für Variationen aller Art. Und weil Musikaufnehmen nicht viel kostet und weil die meisten Freunde jamaikanischer Musik sehr offen für Exzentrisches sind, wird eben alles nur Erdenkliche mal probiert. Ähnlich wie beim Blues (oder beim Sonnet) entsteht das Aufregende zwischen dem strengen Grundmuster und einem radikalem Ausprobieren der Möglichkeiten.

Leserkommentare
    • disrupt
    • 23. Dezember 2005 21:37 Uhr

    Holla, wunderbarer Artikel! Was jamaikanische Musikkultur der Welt letztendlich schenkte (neben Reggae, Ska und Dub letztendlich auch Hip Hop oder das Blueprint-Prinzip für Techno) kann man fast nicht hoch genug einschätzen.

    Kurze Anmerkung: Bo Marley auf Jahtari ist nicht eine Person sondern eine 4-köpfige Band aus Dänemark - mit deutschem Sänger. Genaueres hier: www.jahtari.org/artists/b...

    (disrupt)
    www.jahtari.org

  1. wie man anhand eines solchen Artikels seine in allen Hirnschubladen verstreuten Kenntnisfetzen mal zusammensetzt zu einem stimmigen "ich habe mehr Ahnung als ich dachte"-Bild.

    Vielen Dank :)

    • jabeba
    • 19. Juni 2006 16:06 Uhr

    Sie verschweigen in Ihrem Artikel den großen Einfluß der äthiopischen Kultur auf die Rastafari und selbstverständlich auch deren Musik. Ich bin kein Musikwissenschaftler, erkenne aber, dass der Reggae zum großen Teil aus den typisch äthiopischen Beats entstanden ist.

    • dcs
    • 20. Juni 2006 14:57 Uhr

    Groundation aus Kalifornien haben den Reggae noch ein wenig bereichert.
    Sie gaben dem Dub-Reggae noch wesentliche Jazz-Elemente hinzu.
    Meiner Meinung nach einer der interessantesten Reggae-Bands momentan und live ein absolutes Muß!

  2. 5. Jazz

    Jazz-Einfluesse waren aber von Anfang an Teil der Reggae-Entwicklung. Viele Musiker der fruehen Ska-Combos spielten in kommerziellen Big Bands und beherrschten deshalb auch ihre Instrumente perfekt. Ist auch unueberhoerbar z.B. in alten Skatalites-Tracks von Don Drummond.

    • Kokaid
    • 10. Dezember 2007 12:41 Uhr

    Schade dass der wichtigste deutsche Künstler, Gentleman, nicht genannt wird. Das habe ich hiermit wohl nachgeholt ;-)Ansonsten ein schöner Artikel.P.S: Bo Marley ? Wayne ?

    • Reggae
    • 13. August 2008 13:04 Uhr

    Schöne Übersicht und sehr gut recherchiert.. ElcomReggae Soundsystem aus Pforzheim

    • ginod
    • 14. Oktober 2008 18:42 Uhr

    Sehr schöner Artikel. Allerdings muss ich dir als Musiker sagen, dass ein Offbeat nicht die Betonung auf der 2 und der 4 bedeutet sondern auf eine unbetonte Zählzeit, einer sogenannten Synkope. Das wäre z.B. bei Achtelsynkopen 1 UND 2 UND 3 UND 4 UND . Also auf die "UND". Bei 16tel Sykopen wäre es 1 - NE - un - DE - 2 -E - un- DE 3 - E- un- DE - 4 - E - un - DE

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