Reggae ist der inzwischen ziemlich irreführende Sammelbegriff für eine unfassbar vielfältige Musikwelt, die Jamaika der Menschheit geschenkt hat. Irreführend, weil das, was landläufig unter Reggae verstanden wird - fröhliche Schönwettermusik, Kifferberieselung, meist von Bob Marley gespielt – größtenteils ziemlich uninteressant ist. Nichts gegen Bob Marley, Kiffen oder schönes Wetter, aber über die Klischees aus den siebziger Jahren ist Reggae inzwischen weit hinaus.

Richtig ist: Jamaika ist an allem schuld. Dort entstand, aus einigen recht interessanten Vorläufern , eines heißen Sommers in den späten Sechzigern eine neue Tanzmusik namens "Reggae" – und dort erscheinen seither Woche für Woche rund 100 neue Reggae-Singles. Hinzu kommen Singles, Alben, CDs, MP3s, die in ähnlich hoher Frequenz von Exil- und Wahl-Jamaikanern in New York, London oder Berlin produziert werden. Der hohe Ausstoß hat ökonomische und musikalische Gründe, die dem Reggae eine unschlagbare Dynamik verleihen.

Die ökonomischen Gründe: Es gibt viel Armut im Schwellenland Jamaika. Reggae ist dort nicht nur die dominierende Popkultur, sondern auch eine der wichtigen Industrien und einer der wenigen Auswege aus der Armut, die einem jungen Jamaikaner bleiben (ähnlich überrepräsentiert wie in der Weltmusik ist Jamaika sonst nur noch in der Leichtathletik). Und so stehen junge, ehrgeizige Jamaikaner Schlange vor den Studios der großen und kleinen Reggae-Produzenten, um ihr Glück als Stimmkünstler zu versuchen, singend oder rappend, sprechend oder brüllend. Hauptsache, auffallen.

Beschleunigt wird diese Produktionsweise durch das eigentümliche Copyright in Jamaika – das als Gewohnheitsrecht auch im Rest der Reggae-Welt gilt: Die instrumentalen Kompositionen (in der Fachsprache: "Riddims"), zu denen Gesangseinlagen aller Art entstehen können, gelten als öffentliches Gut, sind also frei kopierbar. So kommt es, dass von jedem halbwegs erfolgreichen Reggae-Song innerhalb weniger Wochen unzählige "Versionen" entstehen, eine origineller, durchgeknallter oder einfach nur schöner als die andere. Dieses Verfahren erzeugt so mit jedem Hit maximale Vielfalt – die ja bekanntlich gut für die Evolution ist.

Die musikalischen Gründe: Die recht einfachen Bausteine des Reggae (minimalistischer Basslauf + reduziertes Schlagzeug + Offbeat-Gitarre) bieten ein stabiles Fundament für Variationen aller Art. Und weil Musikaufnehmen nicht viel kostet und weil die meisten Freunde jamaikanischer Musik sehr offen für Exzentrisches sind, wird eben alles nur Erdenkliche mal probiert. Ähnlich wie beim Blues (oder beim Sonnet) entsteht das Aufregende zwischen dem strengen Grundmuster und einem radikalem Ausprobieren der Möglichkeiten.