Musik mit Matzke (3) Schoß
Dreht denn Volker Matzke jetzt völlig durch? Das fragt sich die Freundin des brabbelnden Marktforschers. Sie hat ja keinen Schimmer, welcher Popstar ihm heute erschien.
Was bisher geschah: Lenny Kravitz und Sting haben unserem unzufriedenen Helden im Schlaf aufgelauert. Er soll ein neues Leben beginnen als Musikkritiker! Seine Freundin wünscht sich ganz was anderes...
Nefer Arulpragasam sah langsam zum Spiegel auf. Wie sollte sie Matzke nur klarmachen, dass es Zeit für ein Kind in ihrem Leben wurde? Als Tochter eines Ägypters und einer Mutter, die aus Sri Lanka stammte, war sie diesen ewigen Aufschub nicht gewohnt. Das Warten auf den sicheren Job, den richtigen Zeitpunkt. In dieser Gesellschaft findet alles später statt: Beruf, Familie aber auch der Tod, hatte ihre Mutter einmal gesagt, als sie über die Gründe ihrer Übersiedlung nach Deutschland sprachen. Damals war Nefer elf gewesen.
Dieses Pathos hatte sie immer an ihrer Mutter gehasst. Nun fand sie sich selbst mit diesem Gedanken wieder. Verärgert schlug sie den chinesischen Lebensratgeber zu, der ungelesen auf ihrem Schoß lag. Sie stand auf, um nach Matzke zu gucken, ihrem Freund und Lebensgefährten, der sich in letzter Zeit so seltsam benahm.
Matzke hatte Kopfhörer auf und starrte an die Decke. Immer wieder murmelte er: Du sollst keine zwei bis drei Sterne vergeben. Drehte er jetzt völlig durch? In Nefer brodelte es. Vielleicht würde ich mich in meiner Gegenwart auch mit Kopfhörern abschotten, dachte sie. Ihre ständigen Stimmungsschwankungen machten ihr zu schaffen. Mal betrachtete sie sich von innen, und schon zwei Sekunden später schien sie über sich zu schweben. In diesen Momenten kam ihr das eigene Innenleben dumm vor. Was sie eben noch zutiefst beschäftigt hatte, wirkte im nächsten Augenblick banal.
Matzke ging es an diesem Abend nicht besser. Stunden zuvor hatte er das dritte Gebot der Musikkritik erhalten in der Mittagspause. Das Fastfood im Umkreis seines Arbeitsplatzes konnte er schon lange nicht mehr sehen. Käsebrezeln, zusammengefegte Pizzen, igitt! Also nahm er sich ein altmodisches Pausenbrot mit in die Firma. Wenn die Kollegen um ihr Essen anstanden, ging er spazieren und aß seine Stulle. Bei schlechtem Wetter zog es ihn in die CD-Abteilung des Elektronik-Discounters. Das Überangebot an Vergänglichem machte ihn zwar verrückt aber es interessierte ihn immer noch mehr als jede noch so gut gekleidete Schaufensterpuppe.
Nun stand er vor dem Regal der Weltmusik und suchte nach einer ägyptischen CD für seine Freundin. Eigentlich ärgerte ihn diese Bezeichnung. Also ob alle Musik, die außerhalb Europas oder Amerikas entstanden ist, gleich wäre, eben Weltmusik, Musik aus dem Rest der Welt. Aber er versuchte, sich nicht gleich wieder aufzuregen.
Zuletzt war er nicht besonders nett zu Nefer gewesen. Verschlossen wie er war, hatte er ihr noch gar nichts von seinem Traum erzählt und sich statt dessen allabendlich unter seinen Hörmuscheln verschanzt. Neben der Musik aus Ägypten stand mehr Musik aus Nordafrika im Regal. Aus Algerien grinste ihm Cheb Khaled entgegen. Raï war eine algerische Form der Popmusik und Cheb Khaled ihr großer Star.
Und dieser Khaled sprach plötzlich zu Matzke. Wir sind die Gralshüter der Musikkritik, sagte er und seine Stimme klang so süß wie ein Pistaziengebäck. Kennst du den Satz?
Natürlich, erwiderte Matzke trocken. Eben war er noch entspannt gewesen. Nun spürte er wieder die Last der Zukunft auf seinen Schultern. Ob er eigentlich verrückt war, fragte er sich überhaupt nicht mehr.
Du bekommst von mir Gebot Nummer drei! Khaled dehnte diese Zahl bis zum Bersten; er wurde sehr feierlich: Du sollst keine zwei bis drei Sterne vergeben!
Das wars?
Ich habe nicht viel Zeit, bei meinem nächsten Konzert stehst du auf der Gästeliste. Plus Eins. Wenn ich dran denke machs gut!
In der Hand hielt Matzke den leblosen Tonträger. Eben hatte der noch zu ihm gesprochen. Nun erinnerte sich Matzke. In seinem Traum neulich war Khaled der dritte Kopf gewesen. Jetzt war er ihm als CD erschienen. Die musste er natürlich kaufen. Khadel verpflichtet. Das war also das dritte Gebot. Und er konnte seinen Sinn sofort erschließen. Sterne zu vergeben war nur eine Konzession an die Lesefaulheit, dazu ein Relikt aus dem Schulnotensystem, dem man spätestens seit dem Punk entkommen sein sollte. Dann auch noch Zwischensterne zu vergeben und zu sagen: Diese Platte ist befriedigend. Aber nicht ganz. Aber immer noch besser als ausreichend, das hatte er er immer schon hirnrissig gefunden. Wer braucht denn Kritiker, wenn sie nur solchen Unfug mitzuteilen haben! Das Rätsel dieser Zehn Gebote verdichtete sich, und Matzke wurde es mulmig zumute. Musik war immer sein Zufluchtsort gewesen, etwas Privates, das er zwar in Worte fassen konnte, aber nicht musste. Und nun sollte er sein Geld damit verdienen? Wenn er sein Selbstbewusstsein aufpäppeln wollte, hörte er Gangsta-Rap. Wenn er sich dem Selbstmitleid hingeben wollte, legte er Antony & The Johnsons auf und heulte. So einfach war das eigentlich. Und nun sollte er ein bedeutender Musikkritiker werden?
Matzke lag auf dem Bett. Unter dem Kopfhörer sang Khaled. Er verstand zwar kein Wort, dennoch sagte ihm die Musik etwas. Es war schon früh am Morgen, bald würde sein Wecker klingeln. Es gibt eine Sprache, für die es kein Lexikon braucht. Die jeder verstehen kann. Das wird schon.... So grübelte Volker Matzke dem Frühstück entgegen.
Im nächsten, vierten Teil unseres spannenden Kulturabenteuers fließt Blut. Es ist nicht die gegen ihren Willen einsetzende Menses der Matzkeschen Freundin. Es ist die Befestigung der Gardine, die sich lockert. Und Matzke hat noch nicht einmal gefrühstückt!
Tauchen Sie ein in Matzkes Pop-Abenteuer!
Hier geht's zu den vorangegangenen Folgen
»
- Datum 27.08.2007 - 06:26 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren