Musik mit Matzke (4) Nutella

Im Schlaf begegnen dem Marktforscher Matzke große Stars. Bei Tag kämpft er mit seiner Kaffeemaschine. Den Start in sein neues Leben hatte er sich einfacher vorgestellt.

Was bisher geschah : Drei Gebote der Musikkritik sollen unserem Kritikerpapst in spe eine glorreiche Zukunft ermöglichen. Um ihn herum aber bricht erstmal alles zusammen.

Matzkes Tag begann mit einem Knall. Schwungvoll zog er die Gardine auf, da kam sie ihm mitsamt der Stange entgegen. Die Stange hatte eine schöne, auf den zweiten Blick jedoch recht martialische Form. Die Stopper an beiden Enden glichen Speerspitzen. Das hatte sich mal ein Schwede ausgedacht. Nun bohrte sich die schwedische Gardinenstange in Matzkes Hand. Geschockt betrachtete er die aufsteigende Blutfontäne.

Da seine Freundin Nefer ein Wochenende bei ihrer Schwester verbrachte, war er allein. Somit konnte er in aller Ruhe in Wut ausbrechen. Dann legte er sich einen Verband an und zerlegte die Gardinenstange, unter Flüchen, aber genüsslich.

Kurz darauf kam ihm der Espresso entgegen. Die Zentrifuge seiner Maschine explodierte und feuchtes, braunes Pulver spritzte auf sein frisches Hemd. In Abwesenheit eines ebenbürtigen Feindes bellte Matzke Übles auf die Espressomaschine ein. Das braun verschmierte Hemd pfefferte er neben das blutverschmierte Hemd und beschloss, diesem Tag vorerst keine weitere Chance zu geben. Matzke ließ sich ächzend in die Couch fallen und schaltete den Fernseher ein. Das hatte er sonntagmorgens noch nie gemacht.

Er wusste auch sofort warum: Hektisch gestikulierende Fernsehprediger veranstalteten Mummenschanz vor einem Publikum, dass dem Kühlbecken eines Atomkraftwerks entsprungen schien.

Und nebenan, dieser Kinderfernsehmoderator… Ein Freund hatte mal in einer Videothek gearbeitet und erzählt, dass der sich einen Film namens Analterror in Ketten ausgeliehen habe. Zwar wollte Matzke die Geschichte nicht glauben, dennoch mochte er die Sendung seitdem nicht mehr sehen. Er war ohnehin zu alt dafür.

So blieb er bei den Teletubbies hängen. Ihre Babysprache amüsierte und beruhigte ihn. Er hatte gelitten, nun döste er erschöpft ein. Plötzlich war es wieder da: das zehnköpfige Monster aus seinem Traum, jene Ausgeburt der Musikgeschichte, die von sich in der Mehrzahl sprach und ihm den Weg in seine berufliche Zukunft weisen wollte. Drei Köpfe hatten ihm bislang je ein Gebot mitgeteilt. An alles Weitere konnte er sich nicht erinnern. Das Monster schien jedenfalls bemüht, sein Gedächtnis aufzufrischen.

Ein warmer Hip-Hop-Beat mit Soul-Sample setzte ein. Der wohlige Bass breitete sich in Matzkes Magengegend aus, als hätte er gut gegessen. Die Stimme war gesampelt und eine Oktave hochgepitcht. "Das muss eine 9th-Wonder-Produktion sein", dachte er und war voller Bewunderung für sich selbst: "Mann, bist du ein Nerd, Matzke", murmelte er. Erwartungsvoll blickte er nach oben, auf dass sich ein Gesicht zeigen würde. Matzke staunte: Jean Grae.

Seine Lieblingsrapperin! Von der New Yorker Musikerin, ihrem Wortwitz und ihrer Ehrlichkeit war er schwer überzeugt. "Das erste Gesicht, das ich wirklich mag", dachte Matzke. Khaled war schon ganz okay gewesen, Sting und Lenny Kravitz hatte er jedoch als Plage empfunden. Bevor Jean Grae etwas sagen konnte, rief Matzke: "Hey, Jean, schön dich zu sehen! Wie geht’s? Wann kommt das neue Album?"

"Yo, Matzke – Geduld. Es kommt diesen Sommer. Auf Blacksmith Entertainment — merk dir das." Jean Grae ließ sich tatsächlich auf ein kleines Fangespräch ein.

"Vielleicht bin ich ja dann schon Musikkritiker. Krieg ich ein Interview?" – "Natürlich, Dicker. Im Sommer, denn jetzt muss ich das Teil erstmal fertig machen. Es wird so heiß, das kann ich dir jetzt schon versprechen... Wende dich einfach an mein Management. Blacksmith Management — kannst du dir das merken?"

Matzke nickte.

"Kommen wir auf den Punkt, Matzke. Denn ich muss echt zurück ins Studio. Hast du eine Ahnung, was so ein Studiotag heute kostet?" – "Keine Ahnung, aber das kannst du mir dann ja im Sommer erzählen." Matzke ließ sich nicht unterkriegen. Er war überrascht von seiner Schlagfertigkeit. Jean Grae wirkte etwas verstimmt: "Okay, Witzbold. Das vierte Gebot lautet: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, weil es auf dem Beipackzettel steht. Oh, mein Handy klingelt, ich muss los."

Ein lauter Donner folgte, der in Matzkes Schnarchgeräusch nachhallte. Langsam wurde er wieder wach. Im Fernsehen war inzwischen Bingo. Aus!

Im zweiten Anlauf sollte sein Tag gelingen. Mit Eleganz bereitete er sich ein Frühstück zu. Behände strich sein Messer die Nutella aufs Brötchen. Der Kaffee schmeckte ihm nun besonders gut. Pfeifend schritt er zum Plattenschrank und holte Jean Graes letztes Album This Week heraus. Er freute sich auf den Sommer. Jean Grae war ein tolles Thema. Die Musikmagazine hatten sie gar nicht auf dem Zettel, und er wollte die Menschheit unbedingt auf sie aufmerksam machen. Das war doch mal eine Aufgabe! Mit dem Sinn des neuen Gebots wollte er sich später auseinandersetzen, jetzt hatte er das dringende Bedürfnis, in Schlappen durch die Wohnung zu tanzen.

Schnittchen, Gürkchen, Rumpelstilzchen umschwirren unseren Helden in der nächsten Lieferung. Aber bevor er nervös zum Tabaksbeutel greifen kann, kommt Onkel Lou und spricht ein striktes Rauchverbot aus. Was das nun wieder soll!

Die neue Folge unserer Serie gibt's vom 2. August an auf zeit.de/musik .

Tauchen Sie ein in Matzkes Pop-Abenteuer! Hier geht's zu den vorangegangenen Folgen »

 
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    • Schlagworte Musik | Lenny Kravitz | Sommer | Management | Album | Rauchverbot | MIT
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