Oslo (dpa) - Was England und Wembley für den Fußball sind, das bedeuten Norwegen und der Holmenkollen für den nordischen Skisport. So sehen es jedenfalls die Gastgeber der Nordischen Ski-WM, die am 23. Februar an der berühmtesten Sprungschanze der Welt eröffnet wird.

Wahrscheinlich mehr als 300 000 Zuschauer wollen bis 6. März für dieselbe Volksfeststimmung sorgen, die das «Mutterland» des Langlaufs bei den Olympischen Winterspielen 1994 im kleinen Lillehammer weltweit populär gemacht hat.

Die äußeren Bedingungen rund um Oslo stimmen schon mal: Es ist kalt, aber nicht zu kalt, an Schnee herrscht nicht der geringste Mangel. Andernorts in Norwegen ist diesen Winter so viel Schnee heruntergekommen, dass Holzhäuser komplett zugeschneit sind und von Baggern freigeschaufelt werden müssen.

Mit Handkraft buddeln sich tausende WM-begeisterte Norweger seit dem Wochenende die richtige Grundfläche für ihre Zelte, in denen sie die WM-Woche nonstop an den Loipen rund um den «Kollen» erleben wollen. Ein kleiner Bullerofen in der Mitte und erstklassige Kleidung, vor allem aber glühende Begeisterung sollen dabei für die nötige innere Wärme sorgen. 16 000 Zeltbewohner erwartet die WM-Pressesprecherin Nina Horn Hynne : «Wir haben schon im Sommer Vorbestellungen für Zeltplätze bekommen.»

Vergessen scheint zum Auftakt des erhofften «Wintermärchens» die alles andere als märchenhafte Vorgeschichte der Nordischen Ski-WM: Genau wie das Londoner Wembley-Stadion war der Holmenkollen eine einmalig charmante, aber auch total veraltete Anlage. Ohne den 2008 begonnenen Abriss und kompletten Neubau von Schanze und Skistadion hätte der Weltskiverband FIS den Skandinaviern die WM nicht zugesprochen. Was dann folgte, nennt Norwegens Industrieminister Trond Giske «einen der größten Bauskandale aller Zeiten». Die Kosten explodierten immer neu und verdreifachten sich am Ende von ursprünglich veranschlagten 600 Millionen Kronen (77 Mio. Euro).

Aber das wird für die Norweger in den kommenden zwei Wochen Schnee von gestern sein. Hier sind Ski-Langläufe im Fernsehen echte Straßenfeger, und von Kommentatoren wird erwartet, dass sie sich beim Zieleinlauf die Kehle aus dem Hals schreien. Vor allem, wenn heimische Ski-Legenden wie der achtfache Olympiasieger Björn Dæhlie in letzter Sekunde die Skispitze noch vor die eines überraschend starken Konkurrenten schiebt. Dann ist Norwegen fast so aus dem Häuschen wie Brasilien nach einem WM-Sieg. Oder Deutschland nach dem dritten Platz 2006.

Live am Holmenkollen mitfiebern will auch König Harald V. (74), dessen Vater König Olav V. (1901-1991) noch selbst die Holmenkollen-Schanze heruntergesprungen ist. Dabei bewegte er sich in Größenordnungen aus der Gründerzeit: Den ersten Schanzenrekord stellte am 31. Januar 1892 Arne Ustvedt mit 21,5 Metern auf. Heute schaffen die Springer so um die 120 Meter, schwärmen aber genau wie ihre Vorfahren vom ganz speziellen Charme der Anlage: Wartet man oben auf der Schanze auf das Signal zum Sprung, hat man eine fantastische Aussicht auf den Oslofjord.