Atom: Report: Tschernobyl - Wie viele Opfer gibt es wirklich?Seite 2/2
Jablokow bezweifelt zudem, dass die WHO beim Thema Tschernobyl unabhängig forschen kann. Durch eine Resolution aus dem Jahr 1959 sei die Organisation bei allen Projekten zur Radioaktivität an die IAEA gebunden - eine Behörde, deren Hauptaufgabe darin besteht, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern.
Von mehreren Seiten wird gefordert, dass die Resolution namens WHA 12-40 aufgelöst wird, etwa von der Europaabgeordneten Rebecca Harms (Grüne). Die Politikerin hatte als Reaktion auf den IAEA/WHO-Bericht, Wissenschaftler mit einer Gegenanalyse beauftragt. In dem 2006 veröffentlichten TORCH-Report (The Other Report on Chernobyl) ist von bis zu 60 000 Krebstodesfällen die Rede.
8930, 60 000, 1,44 Millionen: Drei Zahlen, drei Berichte. Doch warum sind die Schätzungen so unterschiedlich? Zum einen fehlt es an vielen Informationen, etwa darüber, wie viel Radioaktivität beim Unfall tatsächlich frei gesetzt wurde. Zum anderen ist der Nachweis, dass Krebs durch die zusätzliche Strahlung entstanden ist, fast unmöglich. «Niemand kann wirklich sagen, ob es wirklich daran liegt», räumt auch der Biologe Jablokow ein.
Am allermeisten schwanken die Zahlen jedoch durch unterschiedliche Annahmen dazu, bei welcher Strahlendosis Schäden auftreten. Einige Forscher gehen davon aus, dass jede noch so kleine Menge an Radioaktivität gesundheitliche Folgen hat und beziehen das auch in ihre Schätzungen mit ein. Die UN-Organisation UNSCEAR - auch ein Mitglied des Tschernobyl-Forums - schrieb dagegen erst kürzlich, dass sie aufgrund «unakzeptabler Unsicherheiten» keine Modelle zu den Auswirkungen der Niedrigstrahlung berücksichtigen.
In Japan kündigt sich nun eine Wiederholung des Zahlen- und Meinungs-Wirrwarrs an. So erklärte die UNSCEAR erst kürzlich, die Auswirkungen des Unfalls in Fukushima seien geringer als die nach der Katastrophe von Tschernobyl. GfS-Chef Sebastian Pflugbeil vermutet hingegen, dass aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in Japan bis zu 40 Mal mehr Menschen an den Auswirkungen der Radioaktivität leiden werden. Doch 40 Mal wie viele? Hier muss auch Pflugbeil passen. Für die Opfer von Tschernobyl werde es immer heißen: «Wie viele es tatsächlich sind, wird man nie sagen können.»
Lesen Sie hier mehr zu den Themen "Atom", "Geschichte", "Tschernobyl" und "Gesundheit".