Sheffield (dpa) - Jörg Fiedler hatte gleich doppelt Grund zur Freude: Sein EM-Titel in Sheffield war die erste Einzelmedaille des Degenfechters bei einem Topereignis. Zudem sammelte der Leipziger wertvolle Punkte im Kampf um das Ticket für London 2012.

Fiedler schien der ganze Rummel einfach nur unangenehm zu sein. Als Deutschlands Fecht-Sportdirektor Manfred Kaspar in der Bar des Mannschaftshotels die erste Runde Freibier verteilte und Fiedlers Mitstreiter ermunterte, dem neuen Degen-Europameister doch einmal kräftig zu applaudieren, wollte sich der Leipziger am liebsten unter seiner Sportjacke verstecken.

Dazu gab es für den stets bescheiden auftretenden 33-Jährigen keinen Grund. Schließlich hatte er Stunden davor im fast leeren English Institute of Sport von Sheffield, wo die Fecht-EM kaum einen interessiert, etwas Historisches für die eigene Sport-Biographie auf die Beine gestellt und sich eine beinahe schlaflose Nacht besorgt: «Auf meinem Zimmer habe ich SOKO Leipzig geschaut.»

Fiedlers 15:14-Finalerfolg über den niederländischen Olympia-Achten Bas Verwijlen war seine erste Einzelmedaille bei einem bedeutenden internationalen Ereignis auf der Planche. 14 Jahre früher, irgendwo bei einem Nachwuchswettkampf, hatte es für den Mann aus Sachsen letztmals Ähnliches gegeben.

Doch ganz genau erinnerte sich Fiedler nicht. Er war viel zu intensiv damit beschäftigt, seinen Coup, den er so lange herbeigesehnt hatte, zu verarbeiten. Nach der Dopingkontrolle ließ er sich vor der Halle auf dem Hosenboden nieder und berechnete die Auswirkungen seines Titels für 2012.

«Es war ein großer Schritt. Ich habe den Abstand nach hinten vergrößern können», ließ er danach wissen. Mindestens Zwölfter der Weltrangliste muss er am 31. März 2012 sein, um das London-Ticket zu holen. Dann wird die Qualifikationsliste geschlossen, und dann weiß Fiedler, der nach seinem Wechsel von Tauberbischofsheim zum FC Leipzig wieder von Hans Wernfried Frommolt trainiert wird, ob er bei Olympia starten kann.

Kühler Analytiker mit Flugangst und lang anhaltendem Bammel vor Siegen bei WM oder EM - das ist Jörg Fiedler als Sportler. Elegant auf der Planche, mit der linken Hand vorgehend und eher der gewiefte Taktiker als der fechterische Haudrauf: «Ich bin extrem konzentriert. Und deswegen hat man mir meine Freude auch nicht so angesehen.» Richtig realisieren wird er das Ganze wohl erst im Urlaub.