Bergwerk San José (dpa) - Die Kumpel in Chile haben das Martyrium unter Tage körperlich fast unversehrt überstanden - doch bis zur Normalität ist es für sie noch ein weiter Weg. Nach ersten Untersuchungen sind die 33 Männer überraschend fit. Nur einer hat nach Angaben der Ärzte eine Lungenentzündung.

Zwei oder drei Kumpel sollten möglicherweise schon am Donnerstag (Ortszeit) entlassen werden. Der letzte der Bergarbeiter war am Mittwochabend aus dem Stollen befreit worden. Chiles Präsident Sebastián Piñera kündigte als Konsequenz aus dem Minenunfall bessere Arbeitsschutzgesetze an.

Die Arbeiter waren 69 Tage lang in mehr als 600 Meter Tiefe gefangen. Noch nie hatten Bergleute so lange unter Tage ausharren müssen. Die perfekt organisierte Rettungsaktion dauert nur 22 Stunden und 39 Minuten. Die Bergung ging damit viel schneller als erwartet - ursprünglich hatten die Einsatzkräfte mit bis zu zwei Tagen gerechnet. Die Rettung koste zwischen 10 und 20 Millionen Dollar (14,5 Mio. Euro), sagte Piñera. An der Mine solle auch eine Gedenkstätte entstehen. Das Bergwerk soll, solange es nicht gesichert ist, nicht in Betrieb gehen.

Die chilenischen Mediziner sagten, alle Bergleute seien «einem sehr hohen Stress-Level» ausgesetzt gewesen. Aber offensichtlich hätten sie die Belastungen gut weggesteckt. «Niemand hat einen Schock», sagte ein Arzt im Krankenhaus in der Stadt Copiapó. Dorthin waren die Kumpel gebracht worden. «Die gute gesundheitliche Verfassung, in der sie sich befinden, ist eine Überraschung für das Ärzteteam.» Einer der Männer habe «mittlere Probleme» mit den Augen. Ein anderer Mann - nach Medienangaben der älteste Kumpel Mario Gómez - werde mit Antibiotika wegen einer «Lungen-Komplikation» behandelt. Er soll angeblich auch eine Staublunge haben, genauso wie Mario Sepúlveda, der gerühmte «Sprecher» der Gruppe.

Psychisch gibt es viel aufzuarbeiten für die Kumpel: Nach Einschätzung des Marburger Psychosomatikers Wolfram Schüffel werden Spätfolgen meist unterschätzt. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte er, dass sich nach einer derart traumatisierten Erfahrung Krankheiten wie Hochdruck, Infarkte und Infektionen entwickeln könnten.

Als letzter Kumpel war der Schichtführer und «Boss» genannte Bergarbeiter Luis Urzúa Iribarren der «Phönix»-Rettungskapsel entstiegen. Er hatte in der Tiefe entscheidend zum Zusammenhalt der Gruppe beigetragen. Er wurde mit frenetischem Jubel empfangen und vom ergriffenen Präsidenten Piñera umarmt. «Sie haben Ihre Aufgabe erfüllt»«, sagte der Staatschef. Piñera harrte am Ausgang des Rettungsschachtes aus und begrüßte die Kumpel mit den Worten: «Willkommen zurück im Leben.»

Der Präsident hatte von der Rettung erheblich profitiert. Er kündigte nun auch Konsequenzen an - so soll der Arbeitsschutz für den Bergbau und andere Branchen verschärft werden. Wie genau, war aber unklar. Die Regierung war in die Kritik geraten, weil die Arbeitsbedingungen im Bergbau dürftig seien. Angehörige der Kumpel hatten bereits vor Wochen angekündigt, Schadenersatz in Millionenhöhe einzuklagen.