Frankfurt/Main (dpa) - Der spitzbärtige Gustave Courbet rauft sich seine langen Haare, reißt die Augen auf und starrt dem Betrachter direkt ins Herz: Das «Selbstbildnis als Verzweifelter» (1844/45) ist eines der Werke des französischen Malers, das einen kaum mehr los lässt. Und es verrät etwas über Courbet, zeigt, wie er aus dem Inneren heraus schuf und damit berühren konnte.

Gustave Courbet (1819-1877) ist mehr als der Vorzeige-Realist, der Verfechter einer sozial engagierten Malerei und Revolutionär in der Pariser Commune. Mit der Ausstellung: «Courbet. Ein Traum der Moderne» stellt die Schirn Kunsthalle Frankfurt nun den Träumer, Visionär und Vorläufer der Moderne vor.

«Wir wollen einen Gegensatz zum Courbet-Klischee als Champion des Realismus aufbauen», sagt Kurator Klaus Herding. Mit diesem «neuen Ansatz» rechtfertigt der Kunsthistoriker und Courbet-Experte auch, weshalb nur drei Jahre nach einer großen Courbet-Retrospektive in Paris, New York und Montpellier schon wieder eine Courbet-Ausstellung nötig sei. Die Schirmherren sind keine geringeren als Bundespräsident Christian Wulff und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

Insgesamt zeigt die Schirn 100 Courbet-Werke von Leihgebern aus elf Ländern: 15 Zeichnungen, Briefe und rund 80 Gemälde - darunter das großformatige Bild «Die Mädchen an der Seine» (1856/57) oder die schöne Irin «Jo» (1866). Beide Bilder illustrieren das Träumerische bei Courbet: «Jo» greift sich Gedanken verloren vor einem Spiegel in die roten Haare, die Mädchen liegen sinnend auf einer Blumenwiese.

«Courbet war ein Künstler zwischen Provokation und Introspektion», sagt Schirn-Direktor Max Hollein. Als berühmtes Beispiel der sozial engagierten Kunst Courbets gilt sein Gemälde «Die Steinklopfer» (1849). Es zeigt den harten Alltag der Tagelöhner. Sein politisches Engagement brachte den in Ornans bei Besancon geborenen Courbet sogar ins Gefängnis. Er starb schließlich 1877 im Exil in der Schweiz.

Aber eben diesem Realisten Courbet, der als Grobian und Lebemann gilt, widmet sich die Schirn nicht. Stattdessen zeigt sie anhand seiner Landschafts- und Meeresbilder, Porträts sowie Stillleben Courbets Passionen, Fantasien und Utopien. In der Ausstellung hängt prominent Courbets Zitat: «Ich bringe selbst die Steine zum Denken.»

1978 gab es die letzte große Ausstellung Courbets in Deutschland - damals in Hamburg und im Frankfurter Städel. Zu Frankfurt hatte Courbet, der in den 1850er Jahren in Deutschland erfolgreicher als in seiner Heimat war, ein spezielle Beziehung. So stellte er dort 1852 seine berühmte Arbeit «Ein Begräbnis in Ornans» aus und löste damit eine heftige Debatte aus. 1858/59 weilte er für mehrere Monate in der Region und schuf bedeutende Gemälde wie «Die Dame auf der Terrasse» und «Ansicht von Frankfurt». Im Taunus ging Courbet gern jagen und begann dort eines seiner größten Jagdbilder: «Der Hirsch am Wasser».