Moskau (dpa) - Entspannt sitzt Kevin Kuranyi in T-Shirt und Jeans in der weitläufigen Lobby des Vereinsheims von Dynamo Moskau. Für den Angreifer könnte es in Russland kaum besser laufen - nach zehn Ligaspielen hat der 28 Jahre alte Fußball-Profi sieben Tore auf dem Konto.

Dennoch ist bei Dynamo sportlich der Wurm drin: Der Rückstand des Tabellenachten auf einen Europa-League-Platz beträgt bei sechs ausstehenden Spielen sechs Punkte. «Gegen gute Teams reißen wir uns den Hintern auf und gewinnen», sagt Kuranyi im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. «Dann kommt eine sogenannte kleine Mannschaft, und wir verlieren. Da brauchen wir mehr Siegeswillen.» Das zeigte sich erneut am vergangenen Wochenende, als es bei Aufsteiger Alania Wladikawkas nur zu einem 0:0 reichte. «Wir müssen mal einen Lauf bekommen, um noch nach oben schauen zu können», fordert Kuranyi vor dem Lokalderby gegen ZSKA.

Experten wunderten sich und Laien schüttelten den Kopf, als sie vom Wechsel des Ex-Nationalstürmers in die vermeintliche Fußball- Provinz Russland hörten. Doch Kuranyi hat die Unkenrufe schnell widerlegt. Am vergangenen Wochenende trug der ehemaliger Schalker nach der Auswechslung von Kapitän Dmitri Chochlow sogar die Spielführerbinde. Ein Beweis mehr für die große Wertschätzung, die er bei Mitspielern und Trainer Miodrag Bozovic schon jetzt genießt. «Das ist eine sehr große Ehre für mich, zumal ich neu in der Mannschaft bin», sagt Kuranyi und grüßt winkend einen Dynamo-Sicherheitsmann.

Bei Bundestrainer Joachim Löw hat Kuranyi trotz seiner Tor-Quote wohl keine Zukunft, dabei wollte er sich mit Treffern in Russland nach seinem Rauswurf beim DFB wieder für die Nationalmannschaft empfehlen. «Das ist und bleibt immer ein Ziel, mich zurück in die Nationalmannschaft zu kämpfen.» Doch so langsam gibt der 52-fache Auswahlspieler, der fleißig Russisch büffelt, die Hoffnung auf.

Bei Dynamo sieht das anders aus. Schon jetzt kämpft der Verein darum, dass sein Stürmerstar bleibt - immerhin mit angeblich 5,5 Millionen Euro Jahresverdienst der teuerste Profi seit dem Start der Premier Liga. «Ich habe einen Dreijahresvertrag», wiegelt Kuranyi Fragen nach einem Wechsel etwa zum reichen Zenit St. Petersburg ab.

Daher ist für Dynamo Moskau die Teilnahme am internationalen Wettbewerb erst recht Pflicht - ohne Europapokal wären Topspieler wie Kuranyi kaum zu halten. Und auch für die eigene Außendarstellung wären Spiele auf hohem Niveau wichtig. Der letzte Titel datiert von 1995, damals gewann der früher vom sowjetischen Geheimdienst KGB unterstützte Club den russischen Pokal. In Moskau haben längst die Lokalrivalen Spartak und ZSKA Dynamo den Rang abgelaufen, hinzu kommen die mit Energie-Millionen gesponserten Rubin Kasan und Zenit.

Um Kuranyi herum will der elfmalige Sowjetmeister ein neues Spitzenteam aufbauen. «Wir müssen als Mannschaft und als Verein vieles ändern, um oben angreifen zu können», sagt Kuranyi. «Wir müssen nur professioneller arbeiten, mehr Qualität in die Mannschaft bekommen.» Dafür soll auch die Infrastruktur stimmen. Die mageren Zuschauerzahlen - gerade einmal 5300 Fans sahen das letzte Heimspiel gegen Aufsteiger Machatschkala - sollen der Vergangenheit angehören.