Internet Diagnose Leichtgläubigkeit: Wenn SMS krank machen
Sidney/Berlin (dpa) - Wer zu viele SMS tippt, wird krank? So eine Meldung macht in der Ära von iPhone, Blackberry und Google-Handys Schlagzeilen. Zumal, wenn sie mit wunderbar plakativen Diagnosen gewürzt ist - etwa «Komatexten» oder «posttextisches Stress-Syndrom».
Und erst recht, wenn der Name einer Forscherin den neuen Krankheiten einen quasi wissenschaftlichen Stempel gibt. Doch die Diagnose müsste anders lauten: Leichtgläubigkeit. Denn die genannten Krankheiten gibt es nicht. PR-Profis haben sie sich ausgedacht, um den Namen eines Mobilfunk-Unternehmens in die Schlagzeilen zu bringen. So ist die Geschichte über die vermeintliche SMS-Sucht ein Lehrstück, wie Unternehmen versuchen, ihren Namen ins Gespräch zu bringen, Experten ihnen dabei helfen und Journalisten das Spiel mitmachen.
Die Meldung war ein hübscher Lückenfüller für die bunten Seiten und Spalten: «Das Schreiben von zu vielen Kurznachrichten auf dem Mobiltelefon (SMS) macht krank - man läuft gegen Wände, entwickelt Minderwertigkeitskomplexe und hört Klingeltöne, die gar nicht da sind.» So berichtete die Deutsche Presse-Agentur Ende Juni. Auch andere Medien griffen das Thema auf. Quelle: australische Medien.
Zeitungen lesen, Radio hören, TV-Nachrichten gucken und daraus eine eigene Geschichte machen - das ist in der Medienwelt gang und gäbe. Das Problem in diesem Fall: Die Journalisten in Australien sind auf eine PR-Nummer hereingefallen. Das wird deutlich, wenn man den Weg der Meldung verfolgt.
Ursprung ist die Pressemitteilung von Boost Mobile, einem australischen Handy-Anbieter. «Auf Grundlage der Forschungen zweier Wissenschaftlerinnen», heißt es darin, habe man mehrere Störungen «definiert». Es folgen einige schmissige Beispiele. «Wenn mich niemand kontaktiert hat, werde ich echt depressiv und denke, dass mich niemand liebt», wird eine 17-Jährige als Beispiel für das «posttextische Stress-Syndrom» zitiert.
Die Aussage der Jugendlichen stammt aus einer Studie der Psychologin Shari Walsh. Doch von Störungen, wie Boost sie benannt hat, will die Wissenschaftlerin von der Queensland-Universität in Brisbane nichts wissen. «Meine Forschung zeigte, dass jungen Leuten bei der Handy-Nutzung Vorteile wie auch Nachteile entstehen», schrieb sie der Deutschen Presse-Agentur in einer E-Mail. Von Sucht sei nie die Rede gewesen. «Ich weise daher alle Behauptungen zurück, dass meine Forschung Störungen diagnostiziert habe.»
Dass die Geschichte dennoch ihre Kreise zog, liegt vielleicht an Jennie Carroll. Auch sie ist in der Mitteilung des Mobilfunkers benannt. «Ich wurde von Boost Mobile gefragt, ob es Belege für die "Störungen" im Zusammenhang mit dem Versenden von SMS gibt», erklärte die Dozentin von der Universität Melbourne der dpa. Also durchsuchte sie ihre Veröffentlichungen, in denen sie sich mit der Handy-Nutzung von Jugendlichen beschäftigt hatte, und gab Boost ein paar Beispiele, die zu den Begriffen passen könnten.
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- Datum 30.07.2010 - 08:24 Uhr
- Quelle dpa
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