Essen (dpa) - Bei Karstadt geht es weiter, Karstadt ist aber noch nicht über den Berg. Während die 25 000 Mitarbeiter nach monatelanger Hängepartie verständlicherweise jubeln, weil die Warenhauskette nicht zerschlagen wird, sehen Handelsexperten Investor Nicolas Berggruen vor großen Herausforderungen.

Die eigentliche Arbeit beginne erst jetzt. Zumindest für die Verbraucher ändert sich vorerst nichts. Mit Karstadt und Kaufhof gibt es weiter zwei große Warenhausketten in Deutschland. Ob das auf lange Sicht so bleibt, ist offen.

«Jetzt kann die Rettung erst anfangen», sagt Handelsexperte Marco Atzberger vom Kölner Handelsforschungsinstitut EHI. Die Ursachen der Karstadt-Krise müssten angegangen werden. Die Warenhäuser stünden in Deutschland einer wachsenden Konkurrenz von Shopping-Centern gegenüber. «Jedes Jahr werden in Deutschland rund zwei Milliarden Euro in neue Shopping-Center investiert.» Da seien die von Berggruen zugesagten Investitionen von bis zu 70 Millionen Euro in die rund 120 Karstadt-Häuser ein «Tropfen auf dem heißen Stein».

Handelsexperte Ulrich Eggert mahnt zur Eile: «Wenn sich nichts tut, sind sie in fünf Jahren dort, wo sie heute auch sind.» Der Weg zum Luxuskaufhaus sei derzeit wenig erfolgversprechend. «Das dauert 40 Jahre, um ein Image zu ändern.» Vielversprechender erscheint, für jede Filiale die Stärken herauszuarbeiten. «Die Häuser werden sich spezialisieren müssen und benötigen eine deutliche Aufwertung», meint Trendforscher Matthias Horx. «Jeder Karstadt ist ein Sonderfall», sagt auch Professor Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Berggruen hält sich bislang bedeckt, wie er die Warenhauskette nach vorn bringen will, die vor gut einem Jahr Insolvenz anmeldete. Schmerzhafte Einschnitte soll es nicht geben. «Ich habe versprochen, dass ich alle Mitarbeiter bei Karstadt behalte und keine Standorte schließe», hatte er mehrfach bekräftigt. Nicht nur Shopping-Center jagen den Warenhausern seit Jahren Marktanteile in Deutschland ab. Auch die Discounter und große Fachhändler mit einer breiten Warenauswahl gewinnen Kunden.

Nach Ansicht von Horx schrumpft der Marktanteil der Warenhäuser weiter. «Warenhäuser funktionieren heute nicht mehr, sie haben ihre gesellschaftliche Funktion verloren», sagt er der Zeitschrift «Der Handel». «Früher waren die Kaufhäuser die Tempel des Bürgertums, in denen Waren präsentiert wurden, die es sonst nirgendwo gab. Vor den Schaufenstern haben sich die Leute die Nasen platt gedrückt, das war eine frühe Form des Erlebniskonsums. Was dagegen heute in den meisten Kaufhäusern geboten wird, der reine Abverkauf von Waren, das können die Discounter besser.»

Ein Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof muss nach der Karstadt- Rettung nicht für alle Zeit ausgeschlossen sein. Berggruen sagte noch Anfang Juli in einem Interview mit dem «Handelsblatt»: «Noch hofft Metro darauf, dass Karstadt untergeht - was den Wert von Kaufhof steigern würde. Sollte Karstadt der Wiederaufstieg gelingen, muss Metro umdenken. Für die Branche wäre es das Beste, wenn es zu einem Zusammenschluss käme. Aber man muss es intelligent machen.» In Branchenkreisen gilt es als wahrscheinlich, dass sich Berggruen mit Metro-Chef Eckhard Cordes treffen wird. Kurzfristige Ergebnisse werden aber nicht erwartet.