Szeged (dpa) - Reichlich Gold und beste Nation in den olympischen Bootsklassen: Bei einer «verrückten» WM haben Deutschlands Kanuten einen vielversprechenden Kurs auf die Sommerspiele in London genommen.

Die drei Siege und insgesamt sechs Medaillen in den Olympia-Disziplinen bei den Weltmeisterschaften am Wochenende in Ungarn wären in einem Jahr für Chef-Bundestrainer Reiner Kießler eine «perfekte» Ausbeute.

Nicole Reinhardt brach mit Gold über 500 Meter im Kajak-Einer den Bann, der neu formierte Canadier-Zweier Tomasz Wylenzek/Stefan Holtz und der krankheitsgeschwächte Kajak-Vierer der Herren sorgten über 1000 Meter für dicke Überraschungssiege. Im 2012 erstmals olympischen 200-Meter-Sprint gab es nur eine Medaille mit Bronze durch Ronald Rauhe im Kajak-Einer, aber die Konzeption für Olympia macht den Trainern Hoffnung. Geschlossen stark war das 500-Meter-Damenteam, das neben Reinhardts Sieg noch zweimal Silber für Vierer und Zweier besteuerte.

«Wenn einer ausfällt, springt ein anderes Boot ein. Das macht uns als Mannschaft stark», sagte Kießler. Nach den Wettkämpfen in den olympischen Disziplinen mit 15 von 16 angepeilten Startplätzen für London fiel eine Last ab. «Noch einmal so 'ne verrückte WM, dann trete ich zurück», scherzte er. Zu sechsmal Edelmetall in den Olympia-Klassen kamen noch fünf Plaketten in nicht-olympischen Booten, darunter drei goldene. Damit war der Verband (6-2-3) besser als in Posen 2010 (5-4-2), aber schlechter als in Kanada 2009 (7-8-3). Anders als vor einem Jahr belegte man in der Nationenwertung mit allen Disziplinen wieder Platz eins vor Ungarn - und das in der Hochburg beim Erzrivalen.

Dass der Deutsche Kanu-Verband (DKV) nach einem «Wechselbad der Gefühle», so Präsident Thomas Konietzko, in Szeged noch derart zuschlagen würde, war nach dem Final-Auftakt mit medaillenlosen Kajak-Mitfavoriten wie Max Hoff und Martin Hollstein/Andreas Ihle sowie einem Paddelbruch bei Sebastian Brendel im Canadier-Einer nicht zu erwarten. Dazu kamen Krankheiten im Team. Ein «grausamer» Start, meinte Rauhe.

«Das ist, als wenn ich zwei unberechtigte Elfmeter bekomme und noch durch ein Abseitstor verliere», sagte Kajak-Bundestrainer Detlef Hofmann. Als Vierter im Kajak-Einer verpasste Hoff noch den Titel-Hattrick über 1000 Meter. Dagegen holte er im Vierer zusammen mit Norman Bröckl, Robert Gleinert und dem für den erkrankten Marcus Groß ins Boot gerückten Paul Mittelstedt den Sieg. Und über die nicht-olympischen 5000 Meter gab es eine «Genugtuung». «Es war also nicht völlig falsch, was man gemacht hat», sagte Hoff, der wie Reinhardt (Staffel und Einzel) zwei Siege einfuhr.

Als «Wundertüte» bezeichnete Konietzko die Truppe am Wochenende, Chefcoach Kießler erlebte zum Teil eine «Achterbahn». Das war es ein bisschen auch für Reinhardt, die im Sprint noch im Halbfinale ausschied, wenig später über 500 Meter wie bei ihrem WM-Debüt 2005 siegte. «Damals bin ich ein bisschen unbeschwerter an die ganze Sache rangegangen, das nun war über Jahre harte Arbeit», sagte die 25-Jährige. Lobende Worte gab es für diese Leistung von Rekord-Olympiasiegerin Birgit Fischer, die «fest entschlossen» das Comeback versucht. Und von Jung-Mutter Katrin Wagner-Augustin aus der Heimat. Sie will für Olympia wieder das Boot verstärken.