Erfurt (dpa) - Papst Benedikt XVI. hat die großen Hoffnungen auf eine schnellere Annäherung von katholischer und protestantischer Kirche enttäuscht. Im Augustinerkloster in Erfurt, in dem der Reformator Martin Luther vor 500 Jahren lebte, sagte Benedikt in einem ökumenischen Gottesdienst.

«Im Vorfeld des Papstbesuchs war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von diesem Besuch erwarte. (...) Dazu möchte ich sagen, dass dies ein politisches Missverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt.»

Zuvor hatte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, gesagt, vor allem Gläubige in konfessionsverbindenden Ehen und Familien sehnten sich danach, dass die Kirchen ihren «Eigen-Sinn» überwinden. «Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen», sagte Schneider.

Der Papst ging auf den Wunsch nach gemeinsamen Eucharistiefeiern von Katholiken und Protestanten, den auch katholische Reformgruppen hegen, nicht ein. Er betonte, eine Annäherung der getrennten christlichen Kirchen könne nicht in Form eines Kompromisses ausgehandelt werden: «Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln.»

Vielmehr komme es darauf an, gemeinsam im Glauben zu wachsen, betonte Benedikt: «Nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.» Auf diese Weise sei die Ökumene in den vergangenen 50 Jahren stark vorangekommen.

Benedikt war im Augustinerkloster zunächst zu einem Gespräch mit Vertretern der katholischen und der evangelischen Kirche zusammengekommen. Danach feierte er einen Wortgottesdienst in der Klosterkirche.

Beim ökumenischen Gespräch machte der 84 Jahre alte Papst klar, dass eine rasche Annäherung für ihn keine Priorität hat: «Das Notwendigste für die Ökumene ist zunächst einmal, dass wir nicht unter dem Säkularisierungsdruck die großen Gemeinsamkeiten fast unvermerkt verlieren, die uns überhaupt zu Christen machen und die uns als Gabe und Auftrag geblieben sind.»