Kopenhagen (dpa) - André Greipel ist sich der historischen Chance bewusst, auch wenn er eher lapidar bemerkt: «Ich glaube, es ist schon lange keiner mehr aus Deutschland Weltmeister geworden.»

Bei seinen Teamkollegen vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sorgte der Kommentar kurz für ein Raunen - schließlich hat sich erst in dieser Woche Tony Martin Zeitfahr-Gold geschnappt. Im Straßenrennen ist der bis dato letzte deutsche Sieg aber tatsächlich eine ganze Weile her: 1966 eroberte Rudi Altig auf dem Nürburgring den Titel. 45 Jahre später wollen Auswahl-Kapitän Greipel und seine acht Helfer die Durststrecke beenden. «Wir haben gute Karten», meint der Hürther.

Für den Erfolg setzt man beim deutschen Team auf Harmonie und gute Laune: Schon am Montag - und damit früher als viele Rivalen - reiste die Truppe nach Dänemark, um sich zusammen vorzubereiten und an der Rennstrategie zu tüfteln. «Wir haben Spaß und lachen viel», erzählt Greipel und ergänzt: «Hier sind die besten Teamplayer versammelt.»

Bei der Auswahl der neun Fahrer suchte Teamchef Udo Sprenger eine Mischung aus Routine und jugendlicher Unbekümmertheit. Überraschend wurden in Marcel Kittel und John Degenkolb zwei Youngster nominiert, die zwar durch Erfolge in diesem Jahr auf sich aufmerksam machten, mit so langen Rennen (266 Kilometer) aber kaum Erfahrung haben. Als «etwas unsichere Komponenten» bezeichnet Routinier Danilo Hondo das Duo, «aber beide haben absolut die Berechtigung, hier zu sein».

Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin - der sich nach seinem Triumph als Edelhelfer anbietet - Bert Grabsch, Marcel Sieberg, Andreas Klier und Christian Knees komplettieren eine schlagkräftige Truppe, die andernorts Respekt einflößt. «Die Italiener höre ich zum Beispiel sagen: Die Deutschen sind Maschinen», erzählt Hondo.

Greipel und Co. gehören am Sonntag in einem Kopenhagener Vorort zu den stärksten Teams, nach eigener Einschätzung aber nicht zu den Top- Favoriten. «Wir haben lange gefachsimpelt und in unseren Augen gibt es nur einen Favoriten: Philippe Gilbert», unterstreicht Greipel und scherzt: «Wir wünschen uns den schwächsten Gilbert dieser Saison.»

Greipel ist der Mann für die Sprints - und überrascht mit der Prognose, dass es gar keinen Massensprint geben wird. Die rund 600 Meter lange Zielgerade sei deutlich ansteigend und damit für viele reinen Sprinter zu schwierig. «Das hat es in sich», stöhnt Greipel. Hondo beruhigt: «Schlaflose Nächte müssen wir deswegen keine haben.»