Berlin (dpa) - 16 Jahre spielte Hertha-Coach Markus Babbel für den FC Bayern München. Auch Berlins Profis Thomas Kraft, Christian Lell und Andreas Ottl gingen durch die Münchner Schule. Nun müssen alle bei ihrem alten Club ran - und wollen die Überraschung.

Dass Babbel, Lell und Co. am Samstag plötzlich in der falschen Kabine stehen, ist eher unwahrscheinlich. «Den Schritt in die richtige Umkleidekabine werden wir schon finden», sagte Ottl, der dritte Ex-Bayer, der am 9. Spieltag der Fußball-Bundesliga mit Hertha BSC nach München zurückkehrt. Der vierte ehemalige Bayern-Spieler ist Torwart Thomas Kraft, in der vergangenen Saison sogar noch Nummer eins beim Rekordmeister und von der Münchner Fangemeinde außerordentlich geliebt. «Ich weiß, dass die Familie mir die Daumen drückt. Bei den Freunden bin ich mir nicht so sicher», erklärte Ottl.

Babbel, in 254 Spielen für den FC Bayern gestählt und mit zehn Titeln dekoriert, sieht durchaus Vorteile für die ehemalige Bayern-Fraktion in der Allianz Arena: «Sie wissen, wie die Münchner Spieler funktionieren.» Allerdings gebe es auch eine Gefahr: «Dass sie zu viel wollen, wenn Freunde und Verwandte im Stadion sind.» Selbst gibt sich der 39 Jahre alte Coach gelassen: «Ich bin ja schon ein bisschen länger weg. Ganz so emotional ist es dann doch nicht.» Auf die Telefongespräche mit Bayern-Manager Christian Nerlinger und den Spielern Mario Gomez und Philipp Lahm, mit denen Babbel noch engere Kontakte pflegt, hat er in dieser Woche allerdings verzichtet.

Zwar sei es eher zufällig gewesen, dass sich nach dem Ab- und Aufstieg der Hertha in der Hauptstadt eine kleine Bayern-Ecke gebildet hatte, wie die Berliner Verantwortlichen immer wieder betonen. Doch die bayerischen Qualitäten, die Ottl & Co. mitgebracht haben, nimmt Hertha gern. «Wir wollen jedes Spiel gewinnen», betonte der 27 Jahre alte Lell. «Nicht mit dem Erreichten zufrieden zu sein» und «einfach Gas geben» sieht Babbel als weitere wesentliche Bestandteile der Bayern-Schule. An den zwölf Punkten aus den ersten acht Spielen des Neulings haben die Ex-Bayern einen großen Anteil.

«Sie haben sich alle einen guten Stellenwert erarbeitet», betonte Manager Michael Preetz. Mit dem erfolgreichen Werben um Babbel hatte der einstige Hertha-Torjäger eine wichtige Voraussetzung geschaffen, dass sich auch ehemalige Bayern-Spieler für Hertha entschieden. «Ich fühle mich sehr, sehr gut», sagte Vize-Kapitän Lell als erster Wechsler von der Isar an die Spree. «Alle drei sind wichtige Figuren», bemerkte Preetz. Kraft (zuvor 17 Partien für Bayern) glänzt als unumstrittene Nummer 1, Lell (98) hatte sich schon in der 2. Liga aus seinem persönlichen Tief herausgekämpft. Und Ottl (141) ist der Chef im Berliner Mittelfeld. Inzwischen gilt: Mia san Herthaner!

«Der Zeitpunkt für dieses Spiel ist günstig und die Vorzeichen sind ordentlich», sagte Lell zum eigentlich ungleichen Duell. Den bislang letzten Hertha-Sieg in der Bundesliga gab es in München vor 34 Jahren. Natürlich ist es (noch) ein nur kleiner Bayern-Ableger, der da in Berlin heranwächst. Man müsse sich nur einmal die «Granaten» ansehen, die am Samstag für die Bayern auflaufen, erklärte Babbel und ergänzte: «Wir müssten erstmal den gesamten Verein verkaufen, um uns einen dieser Bayern-Stars leisten zu können.»

Trotzdem verlangte Babbel, dass sein Personal nicht vor den großen Bayern erstarren darf, «mit zu viel Respekt kann man schnell unter die Räder kommen». Den Händedruck mit seinem jetzigen Trainer-Kollegen Heynckes, der Babbel einst als jungen Bayern-Spieler gefördert und zum Profi gemacht hatte, will der Hertha-Coach schließlich auch noch nach dem Abpfiff genießen.