Berlin (dpa) - Sie ist groß, sie ist zerbrechlich und sie will mit sanften Händen angefasst werden: Die Schallplatte. 80 Jahre nach der Erfindung in New York feiert Vinyl ein Comeback.

Von den Spitzenwerten Ende der 70er ist die Platte zwar noch Lichtjahre entfernt, der Absatz steigt aber seit einigen Jahren kontinuierlich und in relativ großen Schritten - allein um 20 Prozent im vergangenen Jahr. Auch Bands, die die schwarze Scheibe schon längst abgeschrieben hatten, entdecken die Schallplatte wieder für sich. Und befeuern - wie etwa die Toten Hosen - mit streng limitierten Auflagen ihren Kultstatus. «In eine Platte kann ich mich verlieben - in einen iTunes-Ordner nicht», sagt Sven Gillert, Sänger der Berliner Band Haudegen. Wie Samy Deluxe, Jennifer Rostock oder Cäthe gaben die Deutsch-Rocker Mitte Oktober ein Live-Konzert - im Plattenladen.

«Inzwischen bekomme ich Vinyl-Platten von Bands, die vor 15 Jahren die Schallplatte schon abgeschrieben hatten», erzählt Olli Fischer. Der 45-jährige Berliner arbeitet seit 20 Jahren als Plattenverkäufer. Er freut sich, nicht nur von Berufs wegen, über das steigende Interesse. «Eine CD ist zum Berieseln. Eine Platte dreht man um, da beschäftigt man sich ganz anders mit. Außerdem ist der Klang viel besser - wärmer, mit mehr Druck und Volumen.»

Retro ist in - davon profitiert die LP. «Das kann man in vielen Bereichen beobachten, unter anderem in der Mode und bei der Musik», sagt Peter Wippermann vom Trendbüro in Hamburg. An die ganz große Wiederauferstehung von Schallplatten glaubt der Marktforscher allerdings nicht. «Die Verkaufszahlen steigen seit ein paar Jahren, da kann man von einem Trend oder einer positiven Entwicklung sprechen - in einem Nischenmarkt.»

Große Platten, große Spieler, große Boxen: Die Technik ist alt. Gerade das sei der Vorteil, sagt Wippermann. «Auch bei Uhren sind die analogen die teuersten, und nicht die digitalen. Es gibt eine gewisse Art kultureller Lust an Dingen, die mechanisch sind, die man haptisch erleben und wirklich besitzen kann.» Zudem sei es bereichernd, sich in einem Nischensegment zu tummeln und mit anderen Experten auszutauschen. «Der ganze Kult um Schallplattenspieler und analogen Musikgenuss spielt im Luxusmarkt eine große Rolle.»

LP-Liebhaber als Exoten mit viel Zeit, Geld und einem vollen Weinkeller? Plattenverkäufer Fischer glaubt das nicht: «Den typischen Plattenhörer gibt es nicht. Hip-Hop und Techno haben die Schallplatte am Leben gehalten. Aber auch die alten Rock-Fans werden Vinyl einer CD immer vorziehen.» Sogar Jugendliche seien oft bei ihm im Laden: «Kids auf Klassenfahrt aus England oder Spanien kommen hier mit 150 Euro in der Tasche an - und hauen das Geld für Platten auf den Kopf.» Für ein neues Album auf Vinyl zahlt man rund 20 Euro, gebrauchte Platten gibt es schon für einen Euro. Nach oben gibt es keine Grenzen.

Die Bands entdecken den Charme von Schallplatten wieder für sich. Unter anderem die Toten Hosen veröffentlichen ihre Alben seit ein paar Jahren auch auf Vinyl - wenn auch mit limitierten Auflagen. JKP, die Plattenfirma der Düsseldorfer Rockband, begründet das mit dem «überschaubaren Sammlermarkt». Allerdings: Auf ihrer Homepage bieten die Toten Hosen neun Vinyl-Alben an. Acht sind ausverkauft.