Bonn (dpa) - Zehn Jahre nach Beginn des Afghanistan-Einsatzes sind die ersten Weichen für die Zeit nach dem Abzug der Kampftruppen gestellt: Bei der Afghanistan-Konferenz in Bonn verpflichtete sich die internationale Gemeinschaft am Montag zu Hilfsleistungen bis 2024.

Im Gegenzug will die Regierung in Kabul politische Reformen, die Korruptionsbekämpfung und den Aufbau einer unabhängigen Justiz vorantreiben. Am Ende eines «Jahrzehnts der Transformation» soll Afghanistan 2024 ein vollständig funktionsfähiger Staat sein, der weitgehend ohne fremde Hilfe zurecht kommt.

«Diese Konferenz hat den Weg für ein freies, sicheres und wohlhabendes Afghanistan bereitet», sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle zum Abschluss der Konferenz. Von der Tagung solle das Signal ausgehen, «dass die Welt fest an der Seite der Menschen in Afghanistan steht». Afghanistans Präsident Hamid Karsai sagte, die Bonner Ergebnisse gäben seinem Volk «gewaltige Hoffnung» für die Zukunft.

Im ehemaligen Bundestagsgebäude in Bonn verhandelten rund 1000 Delegierte aus 85 Ländern und von 15 Organisationen über die Zukunft Afghanistans nach dem Abzug der internationalen Kampftruppen 2014. Mit der Abschlusserklärung soll eine neue Phase des internationalen Engagements eingeleitet werden. Derzeit läuft die Übergabe der Sicherheitsverantwortung von der internationalen Schutztruppe Isaf an die Afghanen, die Ende 2014 abgeschlossen sein soll. Zu diesem Zeitpunkt sollen keine internationalen Kampftruppen mehr im Land sein. Die Hilfe soll sich dann auf Ausbildung von Sicherheitskräften, Wiederaufbau und Wirtschaftshilfe konzentrieren.

In seiner Rede zum Konferenzbeginn machte Karsai deutlich, dass sein Land nicht ewig am Tropf der internationalen Gemeinschaft hängen wolle. «Die Afghanen wollen die Großzügigkeit der internationalen Gemeinschaft nicht einen einzigen Tag länger als absolut notwendig in Anspruch nehmen.» Unmittelbar vor der Konferenz hatte Karsai fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr als Größenordnung für Hilfsprojekte ins Gespräch gebracht.

Karsais Finanzminister Omar Sakhilwal sagte am Rande der Konferenz, die nach 2014 benötigte Hilfe werde sich auf «einen Bruchteil» der derzeitigen internationalen Militärausgaben belaufen. Diese lägen bei mehr als 100 Milliarden US-Dollar im Jahr. Konkrete Zusagen sollen erst auf einer Geberkonferenz in Tokio im nächsten Jahr gemacht werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnte auf der Konferenz weitere Anstrengungen im politischen Versöhnungsprozess mit den Taliban an: «Lösen können dieses Problem nur die Afghanen selber», sagte sie. In der Abschlusserklärung sind Bedingungen für Friedensgespräche mit den Taliban genannt: Gewaltverzicht, Bruch mit dem internationalen Terrorismus, Respekt für die afghanische Verfassung und die Menschenrechte.

US-Außenministerin Hillary Clinton drang besonders deutlich auf Reformen und verwies auf die knappen Kassen der Geberländer. «Viele der hier versammelten Länder sehen, dass auch die internationale Gemeinschaft mit Budgetzwängen zu kämpfen hat», sagte sie. Clinton sagte Afghanistan die Unterstützung der USA zu klaren Bedingungen zu. «Wir sind bereit, dem afghanischen Volk beizustehen. Aber die Afghanen müssen sich auch an die gegebenen Zusagen halten.» Es sei nun wichtig, Fehler der 90er Jahre nicht zu wiederholen, betonte sie. Damals hatte die Staatengemeinschaft Afghanistan in der Krise alleingelassen.

Überschattet wurde die Konferenz vom Boykott Pakistans. Die Regierung in Islamabad sagte ihre Teilnahme nach einem Nato-Angriff auf zwei Militärposten ab, bei dem 24 pakistanische Soldaten getötet worden sein sollen. Clinton bedauerte die Absage. «Die gesamte Region ist an der Zukunft Afghanistans interessiert und hat viel zu verlieren, wenn Afghanistan wieder eine Quelle des Terrorismus und der Instabilität wird.»

Der zweite mächtige Nachbar Afghanistans, der Iran, war in Bonn trotz des eskalierenden Atomstreits vertreten. Außenminister Ali Akbar Salehi forderte den Abzug aller ausländischen Soldaten aus Afghanistan. Die Präsenz der Nato-geführten Schutztruppe Isaf habe nicht zu Frieden und Sicherheit in Afghanistan geführt, sagte er.

Die zuversichtliche Einschätzung der Nato zur Sicherheitslage in Afghanistan wurde nicht von allen Delegierten geteilt. «Leider glaube ich nicht, dass wir viel Grund zum Optimismus haben, da die Lage in Afghanistan doch beunruhigend ist», sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Nach Nato-Angaben ist die Zahl der Angriffe Aufständischer in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Nach Statistiken der Vereinten Nationen (UN) hat die Gewalt in Afghanistan in diesem Jahr dagegen erneut dramatisch zugenommen.

Afghanistan-Seite der Bundesregierung

Auswärtiges Amt

Isaf-Statistik zu Gewalt PDF

UN-Statistik zu Gewalt PDF

Afghanistan Analysts Network AAN