Berlin (dpa) - Kanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt ihre Suche nach einem parteiübergreifend anerkannten Kandidaten für das Bundespräsidentenamt fort. Die Spitzen von Union und FDP kommen im Laufe des Tages erneut im Kanzleramt zusammen.

Möglicherweise gibt es auch ein Treffen mit den Oppositionsparteien SPD und Grüne. Ziel ist es, als Nachfolger für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff einen Kandidaten zu finden, der breiten Rückhalt in der Bundesversammlung hat. Dort hat Schwarz-Gelb nur eine hauchdünne Mehrheit.

CSU-Chef Horst Seehofer hofft auf einen schnellen Abschluss der Suche nach einem Wulff-Nachfolger. Er werde am Sonntag zurück nach Berlin fahren, wo es weitere Gespräche innerhalb der Koalition geben werde, sagte er nach einer CSU-Präsidiumssitzung gestern (Samstag) in München «Dann nehme ich an, dass das Ganze eine Schlussdynamik erhält. Ich würde es mir wünschen.»

Allerdings gestaltet sich die Suche schwieriger als gedacht. Merkels erster Anlauf für einen Konsenskandidaten scheiterte. Alle Beteiligten hatten sich nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa in Berlin darauf geeinigt, als Nachfolger für Wulff den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, vorzuschlagen. Der 48-Jährige lehnte aber nach kurzer Bedenkzeit ab. Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) steht nicht zur Verfügung, wie Seehofer in München berichtete. Lammert habe offenbar von Anfang an keine Präferenz für dieses Amt gehabt, sagte er.

Als weiterer möglicher Kandidat wurde der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, genannt. Auch gegen ihn gibt es in der schwarz-gelben Koalition aber Vorbehalte. Am Abend fiel in Verhandlungskreisen der Name von Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU). Die 67-Jährige will sich im März nach 17 Jahren von ihrem Amt zurückziehen. Auch in der CSU-Präsidiumssitzung wurde über Roth gesprochen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte als Favoriten seiner Partei erneut den einstigen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck. Er war 2010 gegen Wulff unterlegen. Gauck ist nach Umfragen auch Favorit der Bürger. In einer Forsa-Umfrage für RTL-Aktuell sagten 46 Prozent, sie hielten Gauck für geeignet. Beim ARD-Deutschlandtrend hatten sich am Freitag 43 Prozent der Befragten für Gauck ausgesprochen. In einer Emnid-Umfrage für die «Bild am Sonntag» wünschten sich sogar 54 Prozent der Deutschen den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler als neuen Präsidenten. Unabhängig von der Person plädierten 79 Prozent der Befragten für einen Kandidaten von außerhalb des Politikbetriebes. In einer gemeinsamen Pressekonferenz betonten SPD-Chef Gabriel und der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, der neue Präsident sollte kein Mitglied des schwarz-gelben Kabinetts und möglichst auch kein aktiver Politiker sein. Özdemir schränkte ein, dass Kandidaten aber ein Parteibuch haben dürften.

Die Bundesversammlung muss bis zum 18. März ein neues Staatsoberhaupt wählen. Wulff hatte 2010 erst im dritten Wahlgang die nötige Mehrheit erreicht. Inzwischen ist Mehrheit von Schwarz-Gelb auf einige wenige Stimmen geschrumpft.

Die Staatsanwaltschaft Hannover leitete gegen Wulff gestern (Samstag) ein Ermittlungsverfahren ein. Der frühere niedersächsische Ministerpräsident steht im Verdacht, Vergünstigungen von befreundeten Unternehmern angenommen zu haben.

Unterdessen geht die Diskussion weiter, ob Wulff den «Ehrensold» von 199 000 Euro jährlich erhalten soll, der ehemaligen Bundespräsidenten lebenslang zusteht. Altbundespräsident Walter Scheel sagte der «Bild am Sonntag»: «Ich wünsche mir, dass Christian Wulff als Bundespräsident a. D. klug genug ist und auf seinen Ehrensold verzichtet. Damit könnte er beim deutschen Volk verlorenes Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.» Nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Zeitung fordern 78 Prozent der Bürger, Wulff solle auf diese Pension verzichten.

SPD-Chef Gabriel sagte der Zeitung: «Ob Christian Wulff seinen Ehrensold erhält oder nicht - diese Entscheidung muss die Regierung öffentlich und juristisch nachvollziehbar begründen.» Die Union stellt den Ehrensold für Wulff nicht infrage. Fraktionschef Volker Kauder sagte der «Bild am Sonntag»: «Dafür sehe ich keinen Grund.»

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