Berlin (dpa) - Zum dritten Mal innerhalb von nur drei Jahren wählt die Bundesversammlung ein neues Staatsoberhaupt. Im Berliner Reichstag begann am Mittag der erste Wahlgang - knapp 1240 Delegierte waren aufgerufen, den elften Bundespräsidenten zu bestimmen. Das Ergebnis wird gegen 14.15 Uhr erwartet.

Die Wahl des früheren DDR-Bürgerrechtlers Joachim Gauck zum Nachfolger des vor vier Wochen zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff gilt als sicher.

Bundestagspräsident Norbert Lammert schlug zum Auftakt der Bundesversammlung vor, der Präsidenten künftig am 18. März zu wählen oder zu vereidigen - dem Datum der Bürgerrevolution 1848 und der ersten freien DDR-Volkskammerwahl 1990. Bisher wird üblicherweise am 23. Mai gewählt, dem Verfassungstag. Lammert verband diesen Vorschlag mit Kritik an den vorzeitigen Rücktritten zweier Bundespräsidenten.

Nach dem Grundgesetz werde der Bundespräsident für fünf Jahre gewählt - dies solle auch so bleiben, mahnte er. Es gelte, «die politische Realität wieder näher an die Verfassungsnorm zu bringen». Zugleich rief Lammert dazu auf, das Vertrauen in die höchsten Staatsämter wieder zu stärken. «Demokratie braucht Vertrauen. Sie basiert vor allem auch auf dem Vertrauen in ihre Repräsentanten», sagte Lammert. Dies gelte besonders auch für den Bundespräsidenten, «mit keinem Amt verbinden sich mehr Erwartungen auf Vertrauen und Autorität». Ständiges Misstrauen mache «die Wahrnehmung öffentlicher Ämter unmöglich».

Zum Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff nach nur 20 Monaten im Amt sagte Lammert, die Geschichte dieser kurzen Präsidentschaft werde zu einem späteren Zeitpunkt geschrieben werden. Bei der Bewertung dieses Schrittes gehe es auch um das Verhältnis von Amt und Person, die Erwartungen an Amtsträger, aber auch die Rolle der öffentlichen und veröffentlichten Meinung.

«Es gibt durchaus Anlass für selbstkritische Betrachtungen, nicht nur an eine Adresse», sagte Lammert. Er fügte hinzu: «Manches war weder notwendig noch angemessen, sondern würdelos. Von der zunehmenden Enthemmung im Internet im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität gar nicht zu reden.» Mit dieser Äußerung löste Lammert im Internet einen Sturm der Empörung aus. Martin Delius, der als Wahlmann für die Piraten an der Bundesversammlung teilnimmt, schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: «Das ist schon lustiger als gedacht.»

Der 72-jährige parteilose Theologe Gauck, der während der Wahl auf der Besuchertribüne Platz nahm, wird von einer beispiellosen Fünf-Parteien-Koalition aus CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen unterstützt. Für die Linke kandidiert die als Nazi-Jägerin bekanntgewordene Publizistin Beate Klarsfeld. Die NPD schickte den Historiker Olaf Rose als Kandidaten ins Rennen.

Gauck war als Kandidat von SPD und Grünen 2010 noch gescheitert, damals wurde Wulff als Kandidat der schwarz-gelben Koalition gewählt. Gauck wäre der bisher älteste Bundespräsident bei Amtsantritt, sein Vorgänger Wulff war der bislang jüngste.

In der 15. Bundesversammlung fehlten mindestens sieben Wahlleute, ergab am Vormittag der Zählappell in den Fraktionen. Danach fehlen bei Union und SPD je zwei Delegierte, bei FDP, Grünen und Linkspartei je einer.

Vor der Bundespräsidentenwahl hatten die Mitglieder der Bundesversammlung an einem ökumenischen Gottesdienst teilgenommen. Auch die Kandidaten Gauck und Klarsfeld kamen am Morgen in die Französische Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt, ebenso Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Lammert, Interimsstaatsoberhaupt Horst Seehofer und mehrere Kabinettsmitglieder.

Vertreter der Evangelischen und der Katholischen Kirche forderten in Predigten mehr Engagement für die Demokratie. Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, würdigte die Menschen, die sich für das Gemeinwesen ehren- oder hauptamtlich engagieren. In seinen Dank schloss Jüsten ausdrücklich Ex-Bundespräsident Wulff ein. An die Adresse des künftigen Staatsoberhauptes sagte er: «Ich habe auch eine Bitte an Sie, die oder den Gewählten: Führen Sie dieses Amt so, dass wir nicht schon bald wieder zusammenkommen müssen.»

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