Paris (dpa) - In Frankreich haben Ermittler auf der Jagd nach einem kaltblütigen Serienmörder eine neue Spur. Nach Augenzeugenberichten hatte der Unbekannte bei seinen Schüssen vor einer jüdischen Schule in Toulouse eine Minikamera vor der Brust, wie sie Sportler beim Surfen oder Fallschirmspringen nutzen.

Innenminister Claude Guéant betonte, trotz intensiver Suche im Internet sei bisher kein entsprechendes Video aufgetaucht.

Das Land steht nach der Bluttat in Toulouse unter Schock. In der Region gilt die höchste Terroralarmstufe. Mit einer Schweigeminute in allen Schulen des Landes gedachten die Menschen der Opfer.

Juden und Muslime wollen angesichts der Bluttat Geschlossenheit demonstrieren. Sie planen am Sonntag einen gemeinsamen Schweigemarsch in Paris. Die Motive und die Identität des Mörders, der innerhalb weniger Tage in der südwestfranzösischen Region drei Soldaten sowie einen Lehrer und drei Kinder ermordet hatte, seien weiter unklar, sagte Innenminister Guéant. «Wir wissen bis heute nicht, wer er ist, soweit sind wir noch nicht», sagte er.

Die Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer, einer war muslimischen Glaubens. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller flüchtete. In Medien wurde spekuliert, neonazistische Militärs könnten hinter den Bluttaten stecken.

Der Vorsitzende des Verbands der Muslime Frankreichs, Mohammed Moussaoui, warnte im Anschluss an einen Empfang bei Präsident Nicolas Sarkozy für die Vorsitzenden der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften vor voreiligen Spekulationen. Sarkozy habe betont, im Kampf gegen den Hass müssten alle zusammenstehen, sagte Moussaoui dem TV-Sender BFM.

Der Täter hatte neben einer automatischen Waffe bei allen Anschlägen einen großkalibrigen Colt benutzt, der heute kaum noch verbreitet ist. Er war im Zweiten Weltkrieg eine Standardwaffe der US-Armee. Tausende Militärs seien überprüft worden, aber bisher ohne Ergebnis, sagte Guéant. «Das ist eine Spur unter vielen, aber keine bevorzugte», fügte er hinzu.

Sarkozy nahm in der Pariser Schule François Couperin gemeinsam mit Bildungsminister Luc Chatel an der von ihm angeordneten Schweigeminute teil. «Alle Schüler, wir alle, sind betroffen durch das, was passiert ist», sagte Sarkozy vor Schülern und Lehrern. «Diese Kinder sind wie ihr, die Opfer sind unschuldig.» Die gesamte Nation fühle sich solidarisch mit den Angehörigen der Opfer. Frankreich tue alles, um den Täter dingfest zu machen. Auch Sarkozys sozialistischer Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl, François Hollande, nahm in einer Schule an einer Schweigeminute teil.

Der Präsident hatte am Vortag für die betroffene Region die höchste Alarmstufe eines Anti-Terror-Plans ausgelöst. Damit patrouillieren ab sofort Militärs und Polizisten an allen öffentlichen Plätzen, die kommunale Polizei wird bewaffnet. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden besonders gesichert. Paris verstärkte die Sicherheitskräfte in Toulouse.

Eine Sprecherin des Zentralrats der Juden in Frankreich (Consistoire central) bestätigte der Nachrichtenagentur dpa, dass die Opfer der jüdischen Schule in Toulouse am Abend zur Beisetzung nach Israel geflogen werden sollten. Sie wurden nach einer bewegenden Trauerfeier am Tatort mit einem Militärflugzeug nach Paris gebracht, wo ihnen Sarkozy die letzte Ehre erweisen wollte. Auf dem Weg nach Israel sollten sie am Abend von Außenminister Alain Juppé begleitet werden.

Die Anschlagswelle versetzte das gesamte Land in einen Schockzustand. Er wirkt sich auch auf den laufenden Wahlkampf aus. Die Kampagnen wurden von Sarkozy und seinen wichtigsten Herausforderern vorübergehend ausgesetzt.

Nach scharfer Kritik aus Israel bestritt die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, den Anschlag auf jüdische Schulkinder in Toulouse mit den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen verglichen zu haben. «Sie hat eine allgemeine Bemerkung gemacht, um die Aufmerksamkeit auf das unglückliche Schicksal von Kindern in aller Welt zu lenken, die ihr Leben verlieren», sagte ihr Sprecher in Brüssel. «Sie hat keinerlei Vergleich angestellt.»

Ashton hatte am Montag während einer Ansprache vor jungen Palästinensern in Brüssel nach eigenen Angaben gesagt: «Wenn wir uns an junge Menschen erinnern, die unter allen möglichen furchtbaren Umständen getötet wurden - die belgischen Kinder, die ihr Leben in einer schrecklichen Tragödie verloren haben und wenn wir daran denken, was heute in Toulouse geschehen ist, wenn wir uns daran erinnern, was vor einem Jahr in Norwegen passiert ist, wenn wir wissen, was in Syrien passiert, wenn wir sehen, was in Gaza und in anderen Teilen der Welt geschieht - dann erinnern wir uns an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben.»

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak kritisierte die Äußerungen nach Angaben seines Büros als «empörend und realitätsfern». «Die israelische Armee geht in Gaza mit größter Vorsicht vor, um den Verlust unschuldigen Lebens zu verhindern», sagte er.

Israelisches Außenministerium