Bissau/Lissabon (dpa) - Erst Mali, jetzt Guinea-Bissau: Erneut putschen Soldaten in einem westafrikanischen Staat. In Guinea-Bissau hat das schon fast Tradition. Seit Jahrzehnten hat in dem bitterarmen Land kein Präsident die volle Amtszeit durchgestanden.

Soldaten feuerten nach Angaben örtlicher Medien am Donnerstagabend (Ortszeit) Granaten auf das Haus von Ministerpräsident Carlos Domingos Gomes Júnior ab. Auf den Straßen der Hauptstadt Bissau habe es heftige Schießereien gegeben. Am Freitag war die Lage zunächst zwar ruhig, die Machtsituation war aber unklar.

Das Auswärtige Amt warnte bis auf Weiteres vor Reisen in den Staat: «Schwerbewaffnetes Militär der Putschisten beherrscht das Stadtbild», teilte das Auswärtige Amt mit. «Die Lage bleibt unübersichtlich und gefährlich.»

Sprecher der Regierungspartei PAIGC versicherten Journalisten des portugiesischen Radiosenders TSF zwar, Gomes Júnior sei wohlauf und «an einem sicheren Ort». Doch die Ehefrau des Ministerpräsidenten, Salomé Gomes, sagte Reportern, ihr Mann sei von aufständischen Militärs festgenommen und auf der Ladefläche eines Pick-Up an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Auch Interims-Präsident Raimundo Pereira wurde von Soldaten festgenommen, wie einheimische Journalisten berichteten.

Die Unruhen in Bissau ereigneten sich gut zwei Wochen vor den für den 29. April angesetzten Präsidentschafts-Stichwahlen. Ministerpräsident Gomes Júnior hatte im März die erste Runde klar gewonnen und galt als Favorit auf die Nachfolge des im Januar an Diabetes gestorbenen Staatschefs Malam Bacai Sanha.

Gomes Júniors Rivale Kumba Yala hatte jedoch angekündigt, die Stichwahlen wegen Unregelmäßigkeiten boykottieren zu wollen. «Es wird keinen Wahlkampf geben, das garantiere ich», hatte er erst am Donnerstag kurz vor dem Militärcoup erklärt. Yala soll enge Beziehungen zum Militär unterhalten. Er wurde schon in vergangenen Jahren für Putschversuche verantwortlich gemacht.

Die Regierung der früheren Kolonialmacht Portugal rief in Lissabon «vehement zur Beendigung aller Gewaltakte und zur Achtung des Gesetzes» in Bissau auf. Angolas Außenminister Georges Chicoti räumte am Freitag ein: «Die Lage in Bissau ist nicht gerade die Beste, wir wissen nicht, was sich da zur Zeit abspielt.» Der Ministerrat der Gemeinschaft Portugiesischsprachiger Länder (CPLP) berief für Samstag in Lissabon ein Krisentreffen ein.

Bei den Unruhen in Bissau hatten Soldaten laut Medien die wichtigsten TV- und Radiosender des Landes geschlossen, die Zentrale der Regierungspartei besetzt und mehrere Botschaftsgebäude umstellt. Auf den Straßen sei Panik ausgebrochen. Nach Informationen des Senders RDP wurde mindestens ein Mensch getötet. Die Schüsse und Explosionen hörten nach mehreren Stunden gegen 21.30 (23.30 MESZ) auf.

In Guinea-Bissau ist es seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974 immer wieder zu Aufständen und Staatsstreichen durch das Militär gekommen. Seither hat kein Präsident eine volle Amtszeit von fünf Jahren durchgestanden. Das Land am Atlantik, das zwischen Senegal und Guinea liegt, ist bitterarm. Es belegt auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen einen der letzten Plätze.

Guinea-Bissau ist der zweite Staat in Westafrika binnen weniger Wochen, in dem Militärs putschen. Am 22. März hatten meuternde Soldaten in Mali Präsident Amadou Toumani Touré gestürzt. Auf Druck der Nachbarländer und der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas machten sie inzwischen jedoch den Weg für eine zivile Übergangsregierung frei.