Köln (SID) - Die neuen Gutachten dreier Professoren in der Erfurter Doping-Affäre sind für die Arbeit der Staatsanwaltschaft in Thüringens Landeshauptstadt interessant. "Wir prüfen alles, was wir vorgelegt bekommen. Wie wir das werten, ist letztlich unsere Sache", sagte Oberstaatsanwalt Hannes Grünseisen dem Sport-Informations-Dienst (SID) am Montag.

Grünseisen bestätigte zudem, dass der Antrag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) auf Akteneinsicht in diesem Fall positiv beschieden wurde. Zum Kreis der 30 Athleten, denen möglicherweise in unzulässiger Weise Blut abgenommen und nach einer UV-Bestrahlung wieder zugeführt worden ist, sollen neben 14 Radsportlern auch je fünf Leichtathleten und Eisschnellläufer sowie zwei Handballer zählen.

DLV-Präsident Clemens Prokop, selbst Richter, hatte in seinem Antrag an die Erfurter Staatsanwaltschaft darauf verwiesen: "Es ist gerade im Hinblick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele 2012 in London für den DLV von enormer Wichtigkeit zu wissen, ob sich unter den von Andreas Franke behandelten Athleten auch ehemalige beziehungsweise derzeit noch aktive DLV-Athleten befunden haben."

Seit Tagen liegen dem Sportausschuss des Bundestages und der Staatsanwaltschaft drei Gutachten oder Stellungnahmen von Professoren vor, die den Arzt Andreas Franke von Vorwürfen entlasten. Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt noch mindestens bis Mai, ob Franke bei der Behandlung der Athleten gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen hat.

Der italienische Hämatologe Alberto Zanella, im Doping-Fall der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein Gutachter des Eislauf-Weltverbandes ISU, sieht in den Vorgängen am Olympiastützpunkt Erfurt ebenso kein Doping wie seine deutschen Kollegen Stefan Eber, Hämatologe aus München, und Wolfgang Jelkmann, Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität Lübeck.

Zanella sagt: "Weder die Entnahme von 50 Millilitern Vollblut und deren anschließende Reinfusion zehn Minuten später, noch die UV-Licht-Behandlung des Blutes erhöhen die Sauerstoff-Transferkapazität des Blutes. Somit kann die UV-Blutbestrahlung nicht als Blutdoping betrachtet werden."

Stefan Eber forderte die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA auf, "den Anklagepunkt des Blutdopings schnellstmöglich fallenzulassen", da mit der UV-Behandlung von Blut der Sauerstofftransfer nicht erhöht werden könne, ein leistungssteigernder Effekt sei nicht zu erwarten. Ähnlich äußerte sich Wolfgang Jelkmann.

Bisher hatten medizinische Experten anders geurteilt. So auch Pharmalogie-Professor Fritz Sörgel. Nach Auffassung des Leiters des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg handelt es sich jedoch eindeutig um eine verbotene Methode nach den Statuten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutchlands (NADA). Laut Sörgel sei dies mit hoher Sicherheit auch die Auffassung des Internationalen Sportgerichtshofs CAS, vor dem der Fall durchaus landen könne.