Istanbul (dpa) - Eine Wand mit Tausenden Zigarettenstummeln, an denen noch Lippenstift der schmerzlich verlorenen Geliebten haftet. Kinokarten, Fotos, ein Kleid, die gemeinsam benutzten Gläser.

Erinnerungsstücke aus dem Alltag der türkischen Metropole Istanbul, die in Orhan Pamuks «Museum der Unschuld» zu einer Zeitkapsel der Verehrung einer schmerzlichen Liebe werden. Nach mehrjährigen Vorbereitungen wird das nach dem gleichnamigen Roman benannte Museum am Samstag geöffnet.

Die Idee zu dem Buch hatte Pamuk (59) vor mehr als 15 Jahren, wie er am Freitag sagt. Auf Flohmärkten und in kleinen Geschäften sammelte er sich das Material für sein 2008 erschienenes Buch zusammen. Dieses ist auch ein Sittengemälde der Türkei. Das Buch beschreibt, wie Kemal seine Geliebte Füsun - eine jüngere entfernte Verwandte - verliert, weil er sich mit einer anderen Frau verlobt. Er erkennt den Fehler zu spät, wird darüber zum Wrack und findet Füsun später als Ehefrau eines anderen Mannes wieder. Obsessiv sucht er die Nähe und sammelt in seinem «Museum der Unschuld» Reliquien.

«Es ist nicht nötig, den Roman zu lesen, um das Museum genießen zu können», sagt Pamuk bei der Vorstellung des Museums. Die Ausstellung sei auch mehr als nur eine Illustration des Buches. «Ich schrieb das Buch, die Stücke besorgend, Schritt für Schritt», sagt er. Die Stücke hat er über Jahre auf türkischen Flohmärkten und in Krämerläden beschafft. Freunde und Nachbarn halfen. Die Gegenstände dienten als Inspiration beim Schreiben. Den 83 Kapiteln des Buches ist auf vier Stockwerken jeweils ein Schaukasten zugeordnet.

Entstanden ist in einem roten Häuschen im europäisch geprägten Istanbuler Stadtteil Beyoglu ein Museum, das die Lebenswelt bürgerlicher Istanbuler Familien in den 70er Jahren zeigt. Eine Gesellschaft, die sich weltoffen und modern gibt, aber zugleich tief in den eigenen Traditionen verhaftet ist. Diese gestehen Frauen keinen Sex vor der Ehe zu, wenn dies nicht durch eine folgende Heirat legitimiert wird.

Noch immer lebe die größere Zahl der Menschheit in arrangierten Ehen, sagte Pamuk am Freitag. «Den Preis für Sex außerhalb einer Ehe zahlen nur die Frauen. Das ist falsch.»

Das Haus für das Museum hat Pamuk selbst gekauft und mit Hilfe deutscher Architekten umgebaut. Das Gebäude sollte eigentlich schon 2010 fertig sein, als Istanbul eine von Europas Kulturhauptstädten war.

Um die gewünschte Qualität zu erreichen, sei dann aber doch mehr Zeit nötig gewesen, sagt der deutsche Architekt Gregor Sunder-Plassmann, der den Bau mit seinem Team geleitet hat. Es habe einen künstlerischen Prozess mitunter «auch bis zur Erschöpfung» gegeben. «Dass ein Museum erst geschrieben wird und dann gebaut, so etwas gibt es noch nicht», sagt er. In der intensivsten Bauphase waren seine Mitarbeiter insgesamt 14 Monate lang täglich bis zu fünf Stunden in Arbeitsrunden mit dem Schriftsteller.

Entstanden ist auch ein kleines Istanbuler Stadtmuseum für eine bestimmte Zeit und eine bestimmte Bevölkerungsschicht. «Als ich geboren wurde, lebten hier eine Million Menschen. Heute sind es 13 oder 14 Millionen. Die Stadt hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr verändert als in den 50 Jahren davor», sagt Pamuk. «Ich selbst kann mit dem Tempo der Veränderung nicht Schritt halten.»

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