Berlin/Düsseldorf (dpa) - Rot-Grün setzt nach dem Triumph in Nordrhein-Westfalen auf einen Machtwechsel im Bund. In der CDU von Kanzlerin Angela Merkel kommt Wahlverlierer Norbert Röttgen auch als Bundesumweltminister und Bundesparteivize unter Druck.

Aus der FDP werden Rufe nach neuen Koalitionsoptionen jenseits der Union laut. In Nordrhein-Westfalen wollen SPD und Grüne rasch über eine Koalition verhandeln. In der CDU begann die Debatte über die Nachfolge Röttgens als Landesvorsitzender.

Fast alle Parteien stehen nach der Landtagswahl vom Sonntag vor schwierigen Personaldebatten: Bei der SPD dürfte Wahlsiegerin Hannelore Kraft eine Rolle in der Kanzlerkandidaten-Debatte spielen. In der FDP kann Parteichef Philipp Rösler nach den Erfolgen in Düsseldorf und Kiel zwar vorläufig aufatmen - ob er seine Partei in den Wahlkampf 2013 führen wird, ist aber offen. In der Linkspartei steht der Führungsstreit vor dem Höhepunkt.

Bei der Abstimmung im bevölkerungsreichsten Bundesland sicherten sich SPD und Grüne eine klare Mehrheit, nachdem sie bisher nur eine Minderheitsregierung hatten bilden können. Die CDU stürzte auf ein Rekordtief im Land. Die bundesweit schwächelnde FDP blieb gestärkt im Landtag. Die Linke scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Der Piratenpartei gelang der Sprung ins vierte Landesparlament.

Das vorläufige amtliche Endergebnis: SPD 39,1 Prozent (2010: 34,5), CDU 26,3 (34,6), Grüne 11,3 (12,1), FDP 8,6 (6,7), Piratenpartei 7,8 (1,6), Linke 2,5 Prozent (5,6). Rot-Grün hat damit eine Mehrheit von 128 Sitzen gegen 109 der Opposition. Die Wahlbeteiligung lag mit 59,6 Prozent auf dem Niveau von 2010 (59,3). Mit Überhangmandaten ergibt das folgende Sitzverteilung: SPD 99, CDU 67, Grüne 29, FDP 22 und Piraten 20. Rot-Grün hat damit eine Mehrheit von 128 Sitzen gegen 109 der Opposition.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht das politische Klima in Deutschland verändert. Union und FDP hätten nun elf Wahlen verloren, sagte er in der ARD. Dies zeige, dass sich die politischen Strömungen und Gezeiten änderten. Die SPD habe in NRW auf die Themen Bildung, Arbeit, Energiewende und Kommunen gesetzt. Diese Themen würden SPD und Grüne auch weiterhin in den Vordergrund stellen. «Ob es dann in eineinhalb Jahren reicht, werden wir sehen.»

Gabriel und SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier hielten am Fahrplan für die Kanzlerkandidatenkür mit einer Entscheidung spätestens Anfang 2013 fest. Gabriel dämpfte im RBB Erwartungen an eine Kandidatur Krafts: «Wer sie kennt, weiß, dass sie das nicht machen wird. Trotzdem ist sie mit so einem Ergebnis eine unglaublich wichtige Spitzenpolitikerin, auch für alles, was in Berlin passiert.» Krafts größtes Pfund sei die Glaubwürdigkeit. Sie habe gesagt, sie bleibe in Nordrhein-Westfalen.

Kraft selbst sagte, Verlässlichkeit müsse zum Markenzeichen für die ganze SPD werden. Die nordrhein-westfälische SPD habe vor allem deshalb gewonnen, weil sie ihre Versprechungen eingelöst habe, sagte sie vor Beratungen der SPD-Spitze in Berlin. Diese Haltung müsse sich die ganze SPD stärker zu eigen machen.

Die Grünen wollen aus dem NRW-Wahlerfolg an der Seite der SPD eine Initialzündung für Rot-Grün im Bund machen. «Was in Nordrhein- Westfalen möglich ist, dass es zu Zweierkonstellationen kommt, zu rot-grünen Bündnissen - warum soll das nicht auch im Bund möglich sein», fragte Parteichefin Claudia Roth.

Führende CDU-Politiker erwarten trotz des Debakels in NRW keine Auswirkungen auf den bundespolitischen Kurs. «Wir dürfen uns auf Bundesebene nicht beirren lassen und müssen die Politik machen, die im Interesse des Landes richtig ist», sagte der Parlamentarische Geschäftsführer im Bundestag, Peter Altmaier (CDU). Im Kurznachrichtendienst Twitter schrieb er: «Auf so'ne Klatsche kann nur Demut die Antwort sein.» Zur Piratenpartei, die in den vierten Landtag nacheinander eingezogen war, twitterte Altmaier: «Glückwunsch zur Wahl und auf gute demokratische Zusammenarbeit.»

CSU-Chef Horst Seehofer sorgte mit Kritik an Röttgen für Ärger in der CDU. «Falls er mal in seinem Leben einen so bösen Wahltag erlebt, dann wünsche ich ihm, dass er nicht solche Kommentare anhören muss von außen, wie er sie uns jetzt gestern und heute gegeben hat», sagte der Chef der nordrhein-westfälischen CDU-Bundestagsabgeordneten, Peter Hintze, im ZDF.

Seehofer hatte in der «Bild»-Zeitung indirekt Röttgens Eignung als Bundesumweltminister infrage gestellt. «Die Menschen wollen endlich Antworten hören, wie es mit der Energiewende weitergehen soll, und sie wollen sehen, dass wir aufs Tempo drücken. Ich hoffe, dass der Bundesumweltminister mit dieser Herausforderung anders umgeht als mit dem Wahlkampf in NRW», sagte er. Die CSU hatte noch am Wahlabend ein Krisentreffen der schwarz-gelben Parteivorsitzenden Merkel, Seehofer und Rösler verlangt. Dabei soll besprochen werden, wie umstrittene Beschlüsse etwa zum Betreuungsgeld rasch umgesetzt werden können.

Grünen-Chefin Roth legte Röttgen den Rücktritt als Umweltminister nahe. «Wie soll denn einer, der dermaßen eine drübergekriegt hat, wie soll denn so jemand jetzt sagen: Ich nehme die Herkulesaufgabe in die Hand und schaffe es, dass Deutschland die Energiewende hinbekommt.»

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sieht Schwarz-Gelb im Bund nicht geschwächt. Union und FDP hätten beste Voraussetzungen, 2013 das bürgerliche Lager wieder zum Erfolg zu führen. Die Lehre aus NRW sei, dass es nichts bringe, «nach links zu hüpfen». FDP-Vize und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte dagegen: «Die FDP muss sehen, dass sie sich mehrere Optionen erarbeitet.» Die Liberalen seien nicht der geborene Bündnispartner der Union. Rösler selbst verspricht sich vom Erfolg seiner Partei in NRW positiven Schub. Die Wahl sei ein «ermutigendes Signal», sagte er im ZDF.

Nachdem die Linkspartei in NRW nach nur zwei Jahren aus dem Landtag geflogen war, signalisierte der frühere Vorsitzende Oskar Lafontaine erstmals öffentlich seine Bereitschaft zu einer Rückkehr an die Parteispitze. Parteichef Klaus Ernst sprach sich für Lafontaine aus.

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