Leipzig (dpa) - Ruth und Erwin, beide 88, haben sich fein gemacht. Er trägt einen schwarzen Anzug, sie ein schwarzes Pailletten-Kleid, im grauen Haar steckt eine schwarze Kunstblume.

Ruth und Erwin sitzen als Stammgäste im Leipziger Ring Café, beim «Gabelfrühstück», einem offiziellen Programmteil des Wave-Gotik-Treffens (WGT). Um sie herum junge Männer im dunklen Frack, düster und aufwendig geschminkte Frauen, Menschen mit blutroten Kontaktlinsen. «Das ist ganz wunderbar», sagt Erwin. «Ich finde das schön. Am besten gefallen mir die Kleider», ergänzt Ruth. WGT in Leipzig ist, wenn Omis keine Angst haben vor dunklen Gestalten im Kettenhemd.

In der Leipziger Innenstadt herrscht während des viertägigen Festivals zu Pfingsten Ausnahmezustand. «Die Schwarzen» flanieren durch die Straßen, viele in spektakulärer Kleidung. Lack und Leder sind zu sehen, an schwarzen Taschen oder Schuhen bimmeln Glöckchen, viele Frauen tragen Kleider, die mit historisch anmutender Pracht faszinieren. Passanten zücken immer wieder ihre Handys und bitten um ein Foto. Meistens wird die Bitte freundlich erfüllt. Eine Drag Queen tanzt im Sonnenschein hinter einem Hare-Krishna-Grüppchen her. WGT in Leipzig ist, wenn der Glöckner von Notre Dame Bubble Tea trinkt.

Wer das Ereignis aber nur auf Schaulaufen und Trubel reduzieren wollte, würde der Veranstaltung nicht gerecht. Mehr als 200 Künstler treten beim WGT auf, die Veranstaltungsorte quer durch die Stadt sind mit Bedacht gewählt. Natürlich gehören einschlägige Clubs dazu, aber auch Museen, Friedhöfe, das Schauspielhaus und die Oper, oder eben das Ring Café, das denkmalgeschützte ehemals größte Tanzcafé der DDR mit seinem speziellen Ambiente. WGT in Leipzig ist, wenn Opern-Weltstar Montserrat Caballé vor einem schwarzen Auditorium auftritt.

Die meisten Leipziger freuen sich aufrichtig, die ungewöhnlichen Gäste begrüßen zu können. Händler und Tourismusmanager haben sich auf die düsteren Besucher eingestellt. Rudi de Luca, Chef eines italienischen Eiscafés in der Innenstadt, zum Beispiel hat «Gothik Eis» kreiert: ein sehr dunkles Schokoeis mit Schwarzer Johannisbeere und Black Wodka, oder eines mit Himbeersoße. «Wir haben eine sehr gute Resonanz», freut sich de Luca über sein Eis mit «Blutkuss».

Viele Besucher halten dem WGT schon seit Jahren die Treue. Rund 20 000 kamen nach Veranstalterangaben diesmal in die Messestadt. Shan Dark ist zum elften Mal dabei. Die 37-Jährige Marketingfachfrau und Bloggerin reist aus Mainz nach Leipzig. «Es ist einfach das größte, beste Treffen, das es in der Szene gibt», sagt sie. Die Vielfalt sei besonders, es gebe immer wieder kleine Bands zu entdecken. Man sei unter Gleichgesinnten. Das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, sagt Shan Dark, sei «wie ein schwarzes Urlaubsland».

Offizielle WGT-Homepage

Blog von Shan Dark