Charkow/Danzig (SID) - Wiederholungen im deutschen Fernsehen haben eine lange Tradition, aber selbst bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine ist nicht alles live, was angeblich live gesendet wird. Diese Erfahrung musste Bundestrainer Joachim Löw nach dem 2:1-Sieg im ukrainischen Charkow am Mittwoch gegen die Niederlande machen. Da sorgte sein Spaß mit einem ukrainischen Balljungen für Aufsehen. Allerdings war alles nur eine Aufzeichnung und in die Live-Weltbilder des Spiels geschnitten worden.

Der Bundestrainer war scheinbar in der 22. Minute an der Seitenlinie auf einen ukrainischen Balljungen zugegangen und hatte diesem den Ball aus dem Arm gespitzelt. Als der Junge etwas verdutzt guckte, gab es einen freundschaftlichen Klaps von Löw auf die Schulter und den Ball per Hacke zurück. Anschließend konzentrierte sich der DFB-Coach wieder auf das Spiel und durfte später die Führung durch Mario Gomez bejubeln. Soweit der Eindruck des TV-Zuschauers.

"War das nicht vor dem Spiel?", fragte Löw nach dem Spiel im ZDF-Interview ein wenig irritiert, als er mit der Szene konfrontiert wurde. In der Tat war die Szene vor dem Anpfiff aufgezeichnet worden. "Wir wussten das nicht, sind auch nicht informiert worden, es betraf nicht nur uns, sondern alle Fernsehanstalten, die dabei waren. Das ist vollkommen unüblich, wir sind da in einer intensiven Diskussion mit der UEFA", sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.

Auch bei der ARD ist man alles andere als zufrieden. "Natürlich wäre für uns jede Form von Zensur oder Manipulation nicht tragbar. Gerade deshalb haben wir gegenüber der UEFA sehr deutlich gemacht, dass das deutsche Publikum erwartet, dass live drin ist, wenn live drauf steht. Live ist live und muss live bleiben", sagte WDR-Chefredakteur Fernsehen und ARD-EM-Teamchef Jörg Schönenborn.

ZDF-Chefredakteur Peter Frey ergänzte: "Wir haben bei der UEFA moniert, dass tatsächlich der Anschein erweckt wurde, es handele sich um Live-Bilder. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Wir erwarten von der UEFA, dass sie uns künftig darauf hinweist, ob sie während einer Live-Übertragung aufgezeichnetes Material verwendet."

Das Video mit dem Löw-Spaß war sofort ein Renner im Internet. Zahlreiche Facebook-Nutzer posteten den YouTube-Mitschnitt auf ihrer Seite.