Danzig (SID) - Günter Herrmann gilt nach wie vor als Inbegriff des Turnier-Touristen. 1990 war der Bremer keine Sekunde im Einsatz, Weltmeister wurde er trotzdem. Zwölf Jahre später könnte es in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft fast eine ganze "Herrmann-Elf" geben: Acht Spieler aus dem 23-köpfigen EM-Kader haben bisher noch keine Minute gespielt - und eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Unter den Reservisten macht sich vor dem EM-Viertelfinale erste Unzufriedenheit breit, Jungstar Mario Götze spricht sogar von Selbstzweifeln.

"Das nagt an mir. Ich bin mit dieser Situation unzufrieden, ich zweifle an mir, wenn ich nicht spielen darf", räumte der 20 Jahre alte Dortmunder offen ein, "Ich will endlich wieder viel und regelmäßig spielen, die Sehnsucht danach ist immens."

Und nicht nur bei Götze ist die Sehnsucht groß, "gerade auf dieser großen Bühne". Ein Marco Reus, immerhin von den Kollegen zum besten Bundesligaspieler der Saison gekürt, oder ein Per Mertesacker haben an ihrer ungewohnten Rolle ebenso schwer zu knabbern wie ein Toni Kroos oder ein Miroslav Klose - auch wenn die beiden immerhin schon ein paar Minuten spielen durften.

Dass die Reservisten ihren Unmut öffentlich machen, sieht Bundestrainer Joachim Löw vor dem Duell gegen Griechenland am Freitag (20.45 Uhr/ZDF) in Danzig aber nicht als Problem. Er sei da nicht "überempfindlich". Er sehe vielmehr "Ehrgeiz, den Drang zu spielen".

Die Spieler würden "im Training Druck ausüben und verhalten sich immer vorbildlich", lobte Löw, und fügte an: "Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich weiß, dass von der Bank immer Qualität in unser Spiel kommt." Wichtig sei es aber schon, alle bei Laune zu halten.

Keine einfache Aufgabe, aber letztendlich der Schlüssel zum Erfolg, wie auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach weiß. Lothar Matthäus habe schon nach dem WM-Titel 1990 gesagt, dass die Mannschaft nur deshalb so gut gewesen sei, "weil die Ersatzspieler mitgezogen haben". Auch ein Günter Herrmann. Es sei eine "wichtige Voraussetzung, dass alle eine Einheit sind".

Bisher scheint dies bei aller Unzufriedenheit der Fall zu sein. Selbst der 119-malige Nationalspieler Klose, normal immer gesetzt, geht mit gutem Beispiel voran. Anstatt Stunk zu machen, lobte der 34 Jahre alte Stürmer sogar seinen Konkurrenten Mario Gomez öffentlich und versprach brav, diesen zu unterstützen. Auch der langjährige Stammspieler Mertesacker (27) machte bei allem Frust deutlich, "dass ich der Mannschaft auch so helfen kann". Und sei es nur als Wasserträger.

Für den ehemaligen DFB-Kapitän Bierhoff ist es normal, dass die Ersatzspieler auch einmal verbal Druck ausüben. Er freue sich sogar, "wenn die Spieler unzufrieden sind, wenn sie nicht spielen. Das zeigt, dass sie hier nicht nur irgendwie ihre Zeit verbringen wollen."

Entsprechend ordnete die sportliche Leitung auch die jüngsten Äußerungen von Götze, Reus ("Wenn ich auf der Bank sitze, weiß ich gar nicht so recht, wie ich mich verhalten soll") oder Kroos ("Befriedigend ist das alles nicht. Gerade nach der Saison, die ich gespielt habe") ein. Alles sei im grünen Bereich, wie auch Sami Khedira feststellte: "Wir haben eine gute Harmonie - und alle Spieler können noch wichtig werden."

Götze sieht diese Phase immerhin als "Lernprozess". Dies gehöre auch dazu, "ich muss mit dieser Situation umgehen können, muss mich im Training reinhängen und dem Trainer zeigen, dass er keinen Fehler machen würde, wenn er mir eine Chance gibt". Das hat wohl auch Günter Herrmann 1990 gedacht.