Ein Sänger, der Tätowierungen mit nationalsozialistischer Symbolik trägt? Die Bayreuther Festspiele sind womöglich haarscharf an einem Skandal vorbeigeschrammt. Der als «Holländer» vorgesehene Evgeny Nikitin ist abgereist. Wer ihn ersetzt, ist offen.

Bayreuth (dpa) - Wegen Tätowierungen mit nationalsozialistischen Symbolen hat der «Holländer»-Sänger Evgeny Nikitin seinen Auftritt bei den Bayreuther Festspielen abgesagt - und das nur wenige Tage vor der Eröffnungspremiere an diesem Mittwoch (25. Juli). «Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen», teilte der Russe, der auch schon in einer Metal-Band spielte, am Samstag mit.

Die Festspiele müssen sich nun binnen weniger Tage einen anderen Sänger für die Neuinszenierung suchen. Die künstlerische Beschädigung der Inszenierung sei immens und könne auch mit einer Ersatzbesetzung möglicherweise nicht restlos abgewendet werden, betonte Regisseur Jan Philipp Gloger.

Die Festspielleitung und der Regisseur seien durch Filmaufnahmen der ZDF-Kultursendung «Aspekte» am Freitagabend auf eine Tätowierung am Oberkörper aufmerksam geworden, sagte Festspielsprecher Peter Emmerich. Oberhalb der Brust habe man ein Hakenkreuz erkennen können. Darüber sei zwar ein anderes Motiv gestochen worden. Dennoch betonte Emmerich: «Dazu muss man Haltung beziehen. Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.» Auch Recherchen der «Bild am Sonntag» zu den Tätowierungen spielten nach Emmerichs Angaben eine Rolle. Die Festspielleitung habe schnell das Gespräch mit Nikitin gesucht.

Aktuelle Bilder des Sängers, die in den vergangenen Tagen in den Medien veröffentlicht wurden, zeigen, dass sich an jener Stelle am Oberkörper inzwischen ein sehr farbintensives Tattoo befindet.

Nikitin wurde 1973 in Murmansk geboren. Er studierte in St. Petersburg am Rimski-Korsakow-Konservatorium. Noch während seiner Ausbildung arbeitete er als Solist am Mariinsky Theater. Er gastierte später auf anderen großen Bühnen, so etwa bei den Salzburger Festspielen, bei der Metropolitan Opera und auch bei der Bayerischen Staatsoper in München.

Emmerich betonte, die Festspielleitung habe bei der Besetzung der «Holländer»-Partie zunächst nicht auf die Tätowierungen geachtet. Denn: «Es wird eine Stimme engagiert, ein Sänger.» Hautfarbe oder Nationalität spielten ja auch keine Rolle. Und genauso werde normalerweise auch nicht überprüft, «was jemand auf der Haut trägt». Hier aber liege eine andere Situation vor, betonte Emmerich.

Die Verzahnung der Festspiele mit den Größen der Nazi-Diktatur in Deutschland markiert eines der dunkelsten Kapitel der Musikgeschichte in Deutschland: Adolf Hitler war regelmäßiger Festspielgast und ließ sich in Bayreuth feiern. Nur mühevoll gelang in den 1950er Jahren ein Neustart der Festspiele. Richard Wagners Musik ist bis heute in Israel unerwünscht. Der Komponist (1813-1883) äußerte sich bei vielen Gelegenheiten judenfeindlich.

Am Samstagvormittag hatte sich die Festspielleitung mit Nikitin getroffen. Danach veröffentlichte der Sänger seine Erklärung. Am Nachmittag war er nach Emmerichs Worten bereits aus Bayreuth abgereist.

Nikitin schrieb: «Ich habe mir die Tattoos in meiner Jugend stechen lassen. Es war ein großer Fehler in meinem Leben und ich wünsche mir, dass ich es niemals getan hätte.» Der Russe hatte in mehreren Interviews zuvor erklärt, früher in einer Metal-Band gespielt zu haben. Die ZDF-Filmaufnahmen stammen aus dieser Zeit und zeigen Nikitin mit freiem Oberkörper und kahlrasiertem Kopf am Schlagzeug.

Bericht «Aspekte»

Bayreuther Festspiele