Musik: Wirbel um den «Holländer» in Bayreuth
Bayreuth (dpa) - Die Aufregung am Grünen Hügel zu Bayreuth ist schon vor der Premiere riesig: Der Sänger der Titelpartie für die Eröffnungspremiere «Der Fliegende Holländer», musste abreisen.
Evgeny Nikitin, früher Mitglied einer Metal-Band, ließ sich einst in jungen Jahren Tattoos mit Nazi-Symbolik stechen. Nun erklärte er nur wenige Tage vor dem Festspielstart am Mittwoch (25. Juli): «Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen.»
Während «Holländer»-Dirigent Christian Thielemann die Haltung der Festspielleitung unterstützt («Ein Hakenkreuz geht nie, nicht nur in Bayreuth!»), wird im 220 Kilometer entfernten München scharfe Kritik laut: Nikolaus Bachler, Intendant der Staatsoper, giftet gegen Bayreuth. «Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen.»
Bachler warf Katharina Wagner und deren Halbschwester Eva Wagner-Pasquier vor, sie zeigten mit dem Finger auf jemanden anderen, «weil man mit der eigenen Geschichte ein Problem hat». Nikitin habe den Vorfall nicht nur bedauert, sondern auch Reue gezeigt. «Eine Reue, die ich von der Familie Wagner in den letzten 50 Jahren nie vernommen habe», sagte Bachler in Anspielung auf die nationalsozialistische Vergangenheit der Festspiele. Nikitin trat auch bereits an der Staatsoper in München auf.
Immerhin: Binnen weniger Stunden präsentierten die Festspielverantwortlichen in Bayreuth einen neuen Holländer - Samuel Youn, Bassbariton aus Südkorea. Der stand im Festspielhaus sowieso schon parat, weil er für eine kleine Rolle im «Lohengrin» und als «Holländer»-Zweitbesetzung vorgesehen war.
Regie führt der 31 Jahre alte Jan Philipp Gloger. Der «Holländer» ist erst seine dritte Operninszenierung. Eine Premiere in Bayreuth ist stets der strengen Kritik ausgesetzt. Gloger gibt sich nicht als Regie-Rabauke, aber auch nicht als bewusst zahmer Regisseur: Provokation als Selbstzweck interessiere ihn nicht, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. «Ich versuche, so persönlich und aufrichtig wie möglich meine Geschichte zu erzählen und muss mich dabei ganz frei aller künstlerischen Mittel bedienen dürfen. Das interessiert mich. Ob das nun provoziert oder nicht, das sei anderen überlassen. Theater als Regisseur in Kategorien von "provokant" oder "nicht provokant" zu denken, ist mir ganz fern.»
Gezeigt wird in Bayreuth auch die Wiederaufnahme der «Tannhäuser»-Produktion von 2011. Regisseur Sebastian Baumgarten ließ eine Biogasanlage auf der Bühne installieren, die Kritik an der Inszenierung war groß. In diesem Jahr auch wieder auf dem Spielplan: Hans Neuenfels' «Lohengrin». Im Vorjahr sind Klaus Florian Vogt als Schwanenritter und Annette Dasch als Elsa zum Bayreuther Traumpaar avanciert - sie sind auch dieses Mal wieder zu sehen und zu hören.
Das vergangene Jahr war sowieso schon voller Turbulenzen für die Festspielleiterinnen: Der Bundesrechnungshof hatte die Kartenvergabe in Bayreuth heftig gerügt, weil für ein öffentlich subventioniertes Haus zu wenig Karten in den freien Verkauf kämen. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelte. Das Verfahren ist inzwischen eingestellt. Das Vergabesystem für die begehrten Tickets ist überarbeitet worden.
Gleichwohl kursierten immer neue Gerüchte über angebliche Misswirtschaft am Grünen Hügel. Es gestaltete sich als schwieriges Unterfangen, nach den vielen Jahren unter der Führung von Wolfgang Wagner der Kulturstätte transparente Verwaltungsstrukturen zu geben. Bis zu seinem Abdanken war Wagner alleiniger Herr am Grünen Hügel. Jetzt reden über den Verwaltungsrat der Bund, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Mäzenatenvereinigung Gesellschaft der Freunde von Bayreuth mit. Wenn man so will, ist aus dem geheimnisumwitterten Opernhaus eine staatstheaterähnliche Einrichtung geworden, bei der alles unter die Lupe kommt.
Es ist das Jahr vor dem großen Jubiläum. 2013, zum 200. Geburtstag und 130. Todestag Richard Wagners, präsentieren die Bayreuther Festspiele einen neuen «Ring». Die Klassikwelt wird nach Oberfranken blicken und schauen, was die vom Komponisten einst selbst initiierten Festspiele aus dem Jubiläum machen. Der als Stückezertrümmerer bekanntgewordene Regisseur Frank Castorf - Intendant der Volksbühne in Berlin - wird die Tetralogie «Ring des Nibelungen» inszenieren.
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