Hannover (dpa) - Alles hat einen Preis - wenigstens in der Innenstadt von Hannover. 59,35 Euro oder nur ein paar Cent, «Sonderpreis» oder «Aus unserer Werbung».

Seit ein paar Wochen klebt eine Gruppe von «Schwarmkünstlern» um die Künstlerin Kerstin Schulz zwischen Altstadt und Rotlicht-Viertel neonfarbene Preisetiketten auf Säulen, Bäume, Bänke und Straßenlaternen. Bis zum 9. September sollen es sechs Millionen sein. «Alles dreht sich um Käuflichkeit», sagt Schulz. «Um käufliche Kunst und käuflichen Sex.»

Die Etiketten sind Teil der Kunstaktion Strich-Code, hinter der vier Künstler und eine Journalistin stecken. Zehn Jahre nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung mit dem Prostitutionsgesetz die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern wollte, soll Strich-Code das Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Dafür tauschen das Historische Museum in Hannover und das Rotlichtviertel die Rollen: Eine Tabledance-Bar wird für eine Weile zum Museum, ein Teil des Museums wird zum Rotlichtviertel umgestaltet. Zusätzlich soll ein leuchtendes Band aus Etiketten das Museum mit dem Rotlichtbezirk am Steintor verbinden.

Selbsterklärend sind die bunten Flächen aus gelben, orangefarbenen und grünen Etiketten nicht, viele Passanten schauen ratlos. Eine Gruppe bayerischer Touristen vermutet, dass die knalligen Farben Wild fernhalten sollen. Ein japanisches Pärchen fotografiert begeistert und findet, die Säulen sähen jetzt aus wie Blumen. Ein Mann schaut misstrauisch. «Was soll denn das überhaupt? Und wer macht das alles wieder weg?»

«Crowd art», wie die Mitmach-Kunst auf Englisch heißt, ist heute vor allem im Internet verbreitet. So entsteht zum Beispiel ein Bild, weil per Mausklick jeder, der will, einen Punkt löschen oder hinzufügen kann. Allerdings hätten Künstler schon in den Sechziger Jahren begonnen, mit ihrem Publikum zu arbeiten, erklärt die Künstlerin und Kuratorin Manuela Naveau. Die Österreicherin beschäftigt sich unter anderem mit der Veränderung von Kunst durch den Einfluss neuer Kommunikationstechnologien. Im Internet sei Crowd art besonders interessant: «Da können auch Leute mitmachen, die nur zufällig darauf stoßen und sonst nicht kunstaffin sind.»

Einer der bekanntesten deutschsprachigen Mitmach-Künstler im Internet ist Olaf Neumann. Zurzeit sammelt er über ein Blog Texte und verarbeitet sie jeden Tag zu einem Cartoon. Auch mit eingeschickten Fotos hat er schon gearbeitet. Der Begriff «Schwarmkunst» sei seine Erfindung, sagt Neumann. «Ich habe den Begriff der Schwarmintelligenz umgewandelt, das war es eigentlich.»

Kerstin Schulz will die virtuelle Gruppenkunst wieder in die Öffentlichkeit außerhalb des Internets holen. 2011 hat sie in einer Kirche in Braunschweig mit einer ähnlichen Aktion den Wert religiöser Räume thematisiert. Schwarmkunst sei als Kunstform immer auch riskant, sagt sie. «Man kann so ein Projekt ja nur schaffen, wenn viele mitmachen.»

Strich-Code Blog

Blog zu crowd art von Manuela Naveau

Cartoon-Projekt Olaf Neumann