Bayreuth (dpa) - Die Fleißarbeit hat sich gelohnt: Samuel Youn konnte am Mittwochabend zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele als Einspringer in der Titelpartie des Holländer mehr als nur überzeugen.

Vom Premierenpublikum erhielt der Bassbariton dafür den verdienten stürmischen Applaus, ja fast schon Ovationen. Youn hatte die Rolle erst vier Tage zuvor übernommen und sich durch zusätzliche Proben darauf vorbereitet. Der Russe Evgeny Nikitin musste sie abgeben, nachdem Nazi-Tattoos auf seinem Oberkörper entdeckt wurden.

Der Erfolg des Abends war vor allem ein musikalischer: Youns nicht allzu dunkel gefärbter Bass klang sonor, wenn auch mitunter unnötig forciert. Vor allem die dramatischen Szenen meisterte er souverän. Auch Adrianne Pieczonka wurde als Senta euphorisch gefeiert. Fast übertönte der stimmgewaltige Sopran ihren Partner Holländer mitunter. Franz-Josef Selig als Sentas Vater Daland, Michael König als deren Verehrer Erik, Benjamin Bruns als Steuermann und Christa Mayer als Mary komplettierten das Solistenensemble kongenial.

Publikumsliebling Christian Thielemann am Pult führte Solisten sowie den wie immer glänzend disponierten 100-Mann-Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) und das exzellent aufspielende Festspielorchester schwungvoll durch das vergleichsweise kurze Werk Richard Wagners.

Zwiespältig wurde die nicht ganz schlüssige Inszenierung des Bayreuth-Neulings Jan Philipp Gloger (Bühnenbild: Christof Hetzer, Kostüme: Karin Jud) aufgenommen: Ventilatorenfabrik statt Spinnstube, Ruderboot statt Segelschiff, Geldkoffer statt Schatztruhe - Gloger siedelt die Handlung in der hektischen Geschäftswelt des 21. Jahrhunderts an. Der nach Erlösung durch eine sich für ihn opfernde Frau suchende Holländer findet sich darin nicht zurecht, auch wenn er mit noch so viel Geld um sich wirft.

Statt Ventilatoren baut sich Senta ein richtiges Segelschiff - zumindest im Modell. Und der Holländer wartet schon in Gestalt eines blutverschmierten Pappkameraden auf sie. Am Ende streift ihr der tatsächliche Holländer die ebenfalls selbst gebastelten Engelsflügel um, das Fabrikmobiliar wird weggeschafft.

Die über der Bühne schwebende riesige Gebrauchsanleitung für die frisch verpackten Ventilatoren - Symbol für alles Materielle - geht in Flammen auf. Sie wird ersetzt durch die Zeichnung eines sich küssendes Pärchens - die Liebe hat über eine allzu gefühlskalte Arbeitswelt gesiegt. Senta stirbt den Opfertod und Holländer findet endlich seinen Frieden.

Am Ende mischen sich unter die Beifallsstürme für Solisten und Dirigent Buhrufe für das Regieteam - doch in Bayreuth ist so manche Inszenierung schon ganz anders ausgepfiffen worden. Alles in allem darf die Eröffnung der diesjährigen Richard Wagner-Festspiele als gelungen gelten.

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