Berlin (dpa) - Und wieder eine «Neue deutsche Welle»: Die Spitze der Charts wird gerade von deutschen Interpreten dominiert. Der Erfolg von Philipp Poisel, Madsen oder Cro ist aber kein Zufall, sagen Musikexperten. Hinter dem Hype stehe System.

Auf deutschsprachige Musik gab es manchen Abgesang - doch der Blick in die aktuellen Charts beweist das Gegenteil. Da ist etwa das «Projekt Seerosenteich». So heißt das Album, mit dem Philipp Poisel gerade an die Spitze der Hitparade stürmte. Und nicht nur der Stuttgarter Liedermacher hat Erfolg mit Songs in der Muttersprache. Die niedersächsische Rock-Band Madsen folgt mit ihrer Platte «Wo es beginnt» auf Rang zwei. Auf drei rappt der Schwabe Cro mit «Raop». Insgesamt gehen die ersten sieben Ränge der Album-Charts an deutsche Interpreten. Von wegen Abgesang.

Poisel und Cro werden nächste Woche bei der Berlin Music Week auftreten - ein Festival, das gerade für Newcomer eine Werbeplattform sein will. Die beiden Charts-Stürmer müssen sich wohl niemandem mehr vorstellen. Sie gehören zu den Zugpferden der Musikwoche.

Sprachwächter wie der Verein Deutsche Sprache («Ich spreche gern Deutsch») werden sich über die Entwicklung in der Hitparade freuen. Denn es handelt sich durchaus um einen Trend und keine Momentaufnahme: «Generell sind deutsche Interpreten dieses Jahr sehr stark vertreten in den Charts», sagt Hans Schmucker vom Marktforschungsunternehmen Media Control. Sieben deutsche Interpreten an der Spitze habe es im Juni schon einmal gegeben. Da standen die Toten Hosen mit ihrem Album «Ballast der Republik» auf eins.

Es ist noch gar nicht lange her, da prophezeite manch einer das Ende der deutschen Musikkultur. 2004 wurde hitzig über die Einführung einer gesetzlichen Radioquote für deutsche Rock- und Popmusik debattiert, sogar der Bundestag behandelte das Thema.

Liedermacher Reinhard Mey («Über den Wolken») bewertete die Lage damals als «höchstdramatisch». Der deutsche Nachwuchs erhalte nicht mehr die Chancen in den Sendern wie ausländische Künstler. «Da wird ein ganzer nationaler Kulturbereich platt gemacht, wenn da nicht bald etwas geschieht», klagte Mey. «Es ist doch abartig, wenn viele junge deutsche Künstler aus diesen Gründen nur noch englisch singen.»

Dabei standen die auch 2004 ganz oben in der Album-Hitparade und belegten zeitweise sogar acht der ersten zehn Plätze. Wir sind Helden, Juli, Silbermond und Mia öffneten Augen und Ohren für den Pop der neuen deutschen Befindlichkeit. 20 Jahre nach Ideal, Extrabreit und DAF machte der Begriff von der «Neuen Neue Deutsche Welle» die Runde.

Dass jetzt mit Madsen, Cro und Co. eine weitere Generation heimischer Künstler die Hitlisten erobert, findet Christian Steinbrink nicht überraschend. «Wenn man in den Charts Erfolg haben will, ist es keine schlechte Idee, deutsch zu singen», sagt der Redakteur des Musikmagazins «Intro». Und die Erfolgschancen deutscher Interpreten seien sogar sukzessive gewachsen.

Grund ist laut Steinbrink ein Strategiewechsel der Musikindustrie. «Für die ist es heute günstiger, eine heimische Band zu promoten anstatt irgendeine US-Band», sagt der Musikexperte. Hinzu komme, dass Liedermacher wie Philipp Poisel oder auch Tim Bendzko einfach den Geschmacksnerv vieler Deutscher träfen. Die freuten sich über «bittersüße und sentimentale Pop-Songs». Andere würden es seicht nennen. Rap beispielsweise konnte früher hochpolitisch sein. Vor dem Sprechgesang eines Cro («Easy») muss sich niemand fürchten.

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