London (SID) - Er hatte wegen Krämpfen fast die ganze Nacht nicht geschlafen, erwischte als "mieser Kurvenläufer" die Innenbahn und war seit 19 Monaten nicht über 200 m gelaufen - und dennoch gewann Heinrich Popow Bronze. "Ich hatte heute einfach Eier", sagte der 29-Jährige schmunzelnd: "Normalerweise sterbe ich nach 120 Metern, aber die Zuschauer waren so geil, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie ich sterbe."

Britta Näpel und Angelika Trabert gewannen derweil Silber in der Dressur. Deutschland liegt in der Mannschafts-Wertung vor der Entscheidung damit auch auf Platz zwei, allerdings fast aussichtslos hinter den Britinnen.

Derweil trieb die ohrenbetäubende Anfeuerung der 80.000 Zuschauer im Olympiastadion den britischen Lokalmatadoren Richard Whitehead zur Weltrekord-Zeit von 24,38 Sekunden und Gold und Popow im Windschatten zur persönlichen Bestleistung. "Die Zuschauer sind einfach nur geil", sagte der 100-m-Goldfavorit: "Ich glaube, jeder der 80.000 schreit ununterbrochen. Anscheinend wird jeder, der nicht mitschreit, von der Tribüne geschubst."

Whitehead hatte Popow schon vor dem Start zur Seite genommen und ihm gesagt: "Da draußen sind 80.000 Fans von mir. Genieß es einfach und lauf mit." Es funktionierte: "Ohne die Zuschauer wäre ich nie so schnell gelaufen", sagte der oberschenkelamputierte Popow: "Zum Glück hat mich Richard genau überholt, als mich meine Kräfte verließen. Der Jubel der Zuschauer hat auch mich gepuscht und so bin ich einfach nur noch ins Ziel gerollt."

Vergessen war zu diesem Zeitpunkt der Frust der am Vorabend um vier Zentimeter verpassten Bronzemedaille im Weitsprung und die darauffolgende Nacht der Leiden. "Ich hatte die ganze Zeit über superstarke Krämpfe und nur drei Stunden geschlafen", erzählte Popow: "Am Morgen in der Dusche habe ich so laut vor Schmerzen geschrien, dass mich mein Zimmernachbar gefragt hat, ob ich noch lebe."

Auch Wojtek Czyz fehlten nach dem kraftraubenden Weitsprung am Vorabend, wo er als bester Oberschenkel-Amputierter Silber hinter dem Leverkusener Markus Rehm gewonnen hatte, die Kräfte. "Es ist einfach beschissen gelaufen", sagte der Kaiserslauterer, der über 200 m 2004 in Athen Gold gewonnen hatte: "Meine Zeit ist eine klare Enttäuschung, aber ich konnte einfach nichts mehr entgegensetzen." Nun will sich Czyz auf die 100 m am Freitag "in Ruhe vorbereiten und nochmal angreifen."

Die deutschen Dressur-Reiterinnen wollen am Sonntag Silber mit der Mannschaft. "Die Britinnen sind weit weg und haben schon fast sicher Gold. Wir müssen Platz zwei sichern", sagte Näpel, die hinter der Britin Natasha Baker und vor Trabert Silber im Einzel gewann. Ihre Stute Aquilina 3 hatte die 46-jährige Näpel (Wonsheim), Geschäftsführerin eines Therapeutischen Reitzentrums, vor dem Test auf den Parcours eingestellt. "Ich habe ihr die Sandsäcke gezeigt, so wusste sie vorher, was sie erwartet", sagte sie.

Für die 44 Jahre alte Trabert (Dreieich), die als Fachärztin für Anästhesiologie schon in Ländern wie Guinea oder Westafrika als medizinische Helferin im Einsatz war, war es vor allem wichtig, ihr Pferd Ariva-Avanti zu beruhigen. "Diesmal war sie ruhiger und hat nicht rumgesponnen", sagte Trabert, nachdem Ariva-Avanti in den letzten Tagen sehr nervös war: "Ich musste einfach ruhig bleiben, denn wenn ich angespannt bin, ist es das Pferd auch."

Pech hatte derweil die sehbehinderte Diskuswerferin Siena Christen (Freital). Die von Weltrekordler Jürgen Schult trainierte Sächsin wurde mit 38,42 m Vierte. Der querschnittsgelähmte Ulrich Iser (Halle/Saale) landete im Kugelstoßen auf Rang fünf.